Ludwig Rühle Startseite
Zuletzt aktualisiert am: 21.02.2017


Ein Nenderother Mundartdichter



Rühle


Mit seinen Gedichten, Geschichten und Erzählungen hat Ludwig Rühle ein Zeitdokument von bleibendem Wert hinterlassen. In seinen heiter-besinnlichen, oft auch kauzigen Gedichten überliefert er eine gelegentlich derbe, mundartliche Ausdrucksweise, die dem damaligen bäuerlichen Lebensstil entsprach.

Er wurde am 19. Juni 1895 als Sohn der Eheleute Georg Wilhelm und Wilhelmine Rühle in "Waanersch Haus" in Nenderoth gebohren. Als jüngstes Kind von fünf Geschwistern wuchs er in einer kleinbäuerlichen Familie auf. Sein Vater "der ahle Waaner" hatte neben der Landwirtschaft einen Handwerksbetrieb als Stellmacher (Wagner). Hier wurden aus Holz landwirtschaftliche Geräte bis hin zu ganzen Bauernwagen hergestellt.

Die Eindrücke auf den Westerwälder Märkten, die er mit seinem Vater besuchte, schufen die Grundlage für sein literarisches Wirken. Später, als er in der Fremde die leichtere städtische Lebensart kennengelernt hatte, verarbeitete er seine Erinnerungen in Gedichten wie beispielsweise "von de sonndogse un de wergdogse Minsche" (von den sonntäglichen und den werktäglichen Menschen).
Nach seiner Konfirmation war man in der Familie der Meinung, daß der Bub nicht zum Bauernstand tauge. Aus ihm könne etwas "besseres" werden. Ludwig trat eine Banklehre in Weilburg an. Schnell stellte er fest, daß Wissen und Bildung zu Ansehen und Wohlstand führen können. Mit der "westerwälder Hartnäckigkeit", auch Knäulköppigkeit genannt,verfolgte er seine beruflichen Ziele. Am Freiburger Gymnasium legte er schließlich die Reifeprüfung ab. Im ersten Weltkrieg war Ludwig Rühle Soldat an der Ostfront. Sein Beruf führte ihn später von Weilburg über Limburg und Wiesbaden nach Frankfurt, wo er in der kaufmännischen Revisionsabteilung der Stadtverwaltung tätig war. An der Universität bereitete er sich mit Selbststudium auf das Wirtschaftsprüferexamen vor, das er mit gutem Erfolg bestand. In Bremen war er als Wirtschaftsprüfer bei internationalen Unternehmen tätig.

Nach seiner Pensionierung kehrte er in seine nassauische Heimat zurück und widmete sich seiner dichterischen Passion. Die Bindung an den Ort seiner Jugend war bei ihm noch sehr stark. "Eich hu deham mei Land verkaaft" (ich habe zu Hause mein Land verkauft) , sagt er in einem seiner Gedichte voller Wehmut. In seinen Geschichten über den Westerwald und seine Menschen beschreibt er das harte Leben auf kargen Böden und den Zwang den schmalen Besitz zu erhalten. Ludwig Rühle verstarb im 71. Lebensjahr am 13.April 1967 an einem Schlaganfall.





Mei Haametsdorf

Weiß leucht dr Kerchtorm weit ens Feld
un gro vermoost sei schiwwern Dach
Nah es ds Dorf drimmrimm gestellt
met schworz Gebälk un weiß Gefach.

Un aus dm Groine guckt manch Haus
wäi Hinkelcher dorch Gluckefliehl.
Su läiblich säit däs alles aus,
s es un bleibt mei Wannerzihl!

Un no dr Wies zou n Blankezau
vu ahl Gelärch, verknorzt un gro,
droff hinke erdern Debbe, brau
un aach geplackte Buchse, blo.

Um Wisseborn, wu s Gros naut dagt,
do flattert weiß de Wäsch em Wend.
E Hond der gautzt. Ds Backes raacht.
E Gickel kräht un s sengt e Kend.

Un kromm läft mancher Weg ens Feld
uh Hecke un u Beem vorbei... .
Su leit se do, mei Haametswelt!
Bleib stih, mei Boub un guck... und schwei... !







Ludwig Rühle erzählt:



Aus meiner Bouwezeit


Wäi eich jungk sei worn



Soll ichs och no verzehle oder soll ichs och net verzehle? Eich maane owwer, s dät naut schorre, wann eich emol domet udätfange, wu jo alles emol met ufängt, nämlich met dm Ufangk. Drim will eich etz dr irscht emol verzehle, wäi eich off de Welt sei komme. Bei us do sät mr owwer net: "Wann seist dau daa off de Welt komme?", enaa, bei us do hähsts aafach: "Wann seist dau daa jungk worn?" Un däi Antwort dodroff es net "Dog un Dotum", wäis em Kalenner stiht, naa, däs hähst ganz aafach: "em Haamache", "em Korn-schneire" oder "em Kadoffelausdou". Bei mir häiß es no immer, eich wär "em Planzesetze" jungk worn. Wann eich su als klaaner Boub Geburtsdog hat, daa hot mr mei Modder immer gesat, wäi däs sällwichmol wor, wi eich off de Welt sei komme. Do worn se do onne offm Langestick grod u m Planzesetze, un us Leu sei aach met zwih Äcker drzwischich gewäst. Off aamol wouer Order hamgeschickt, mei Modder sellt noch Planze robbe em Gorde, s däre nerr noch fehle, un sellt se ens Krautfeld schicke. Owwer däs konnt se doch net mih. Do hat se kaa Zeit mih zou. Wu kann imets noch Planze robbe un ens Krautfeld schicke, wann offamol e anner Plänzche do es, wos Worzel schlou will häi off dr Er'? No', es murren su ebbes geuhnt hu em Krautfeld, wäi als kaa Planze kome. Do sei all de Leu, däi en dr Näh geärbt hu, beinanner gange un hu vu ihrne Planze noch dorgedou un geholfe, däß us Äcker aach fertig sei worn. Deham owwer, do hot däs Nickels Luwis, däi ahl gout Frah, däi sällwichmol Hebamm wor - wäi lang leit se schun inner der Er' - sich en goure Kaffih gekocht met Zuckerklimbercher drenn, wäi alles en der Reih wor, un eich log en dr ahle Wäi, un alles wor läib un gout. Un engemutzelt harre se mich en der Wäi do, däß eich gornet vill gucke konnt. Nur din dicke Balke u der weiße Stowwedeck konnt eich sehj, der de Last dräht vum ganze Haus. Din Träjerbalke hot mei Babbe noch als Baam gekannt, als richtige läwiche Baam, der drowe em Hanseberk gestanne hot, un wu de Vihelcher ihr Nestcher droff hu gebaut, wäi hä noch su e klaa Boibche wor. Un wäi eich su do log un als gelaustert hu, do hot de Wandauer2) als "dick-dack-dick-dack" gemoocht u aam Stick, un es wor alles su stell en urrer Stob... de Modder schläif wohl em Bett un de Micke hormste u m Fihster, un daus kome de Leu vorbei gefohrn aus m Krautfeld. Daa kome aach us Leu ham un jedes wollt meich dr irscht sehj un hot ge des anner "bscht-bscht" gemoocht, däß es leis sollt dou, un jedes hot emol ganz verwonnert e bißje en de Wäi gebibbst un gelacht wäi däs Mondgesicht u m sterniche Owendhimmel. Nur mei Babbe hot fruh gesaat: "Goddwalls, mei Boibche, un däß de bal grußche werscht." Owwer do hun eich all weirer kaan Bass droff geschlou. Vielleicht hun eich als su fir mich dohih getraamt un als off de Auer gelaustert, off us ahl Wandauer, däi hau noch off der sällwiche Stell hingt met ihrm ernste Gesicht un met däi Zeijer, däi sich als no sei gelaafe, der aa ganz langsam un der anner ganz rasch. Un wammer mant, der aa hät din annern engeholt, aamol, zwaamol, dreimol... da läif e schun wirrer weirer. Da wouer däi Kett met de Gewichte als e bißje länger un daa hots no nerr Zeitlang en der Auer geklobbt, wäi wann däs hase sellt: "Häi guck, Klaaner, schun wirrer e Dahlche rimm vu deiem Läwe", däs eich doch irscht grod u hat gefange. Un däs "Dick-dack" wor wäi däi zwaa Messer en dr Häckselbank, däi de Zeit en lauter klaane Stickelcher schneire, wäi langk aach der Struhhalm sei mog, der fir din aane Minsche su un fir din annern su lang dorgemesse es. Später sei daa noch annern Leu aus m Dorf komme, däi hu sich iwwer de Wäi gebeckt un met de Kebb gewackelt un kinnisch gedou un gelacht un sich verwonnert dodriwwer, däs merr su klaache kennt sei. Däs hähst, erinnern kann eich meich jo net u all däs, owwer es stiht merr su deutlich vir Aache, wäi wanns natrell su gewäst wär, wäis etz all häi geschriwwe stiht. Blus aans maan eich alsemol vu däi Dorfleu, däi sällwichmol kome un meich en der Wäi sohke leije: Wann däi geweßt härre, däß eich späternaus en ihrer Sprooch Värschcher un Geschichtcher moich un dobei din aane oder din annern su e bißje dohih dubbche4) däht, däß merr saa kennt, däs es der oder der... eich maane als, eich maane als... wann däi däs jo all geuhnt härre sällwichmol, daa härre se mich, grod wäi e klaa Kätzche, wos zevill es en dr Welt, läiwer gleich en de Bach getraa.


Aus meiner Bubenzeit


Wie ich jung geworden bin (Wie ich geboren wurde)



Soll ich´s euch jetzt erzählen oder soll ich's euch nicht erzählen? Ich meine aber, es würde nichts schaden, wenn ich einmal damit anfangen würde, wo ja alles einmal mit anfängt, nämlich mit dem Anfang. Darum will ich jetzt zuerst einmal erzählen, wie ich auf die Welt gekommen bin. Bei uns da sagt man aber nicht: "Wann bist du denn auf die Welt gekommen?", nein, bei uns da heißt es einfach: "Wann bist du denn jung geworden?" Und die Antwort darauf ist nicht "Tag und Datum", wie es im Kalender steht, nein, das heißt ganz einfach: "zum Heumachen", "zum Kornschneiden" oder "zum Kartoffelausmachen". Bei mir hieß es noch immer, ich wäre "zum Pflanzensetzen" geboren worden. Wenn ich als kleiner Bub Geburtstag hatte, da hat mir meine Mutter immer gesagt, wie das einstmals war, wie ich auf die Welt gekommen bin. Da waren sie da unten auf dem Langenstück gerade am Pflanzen, und unsere Leute sind auch mit zwei Äckern dazwischen gewesen. Auf einmal wurde "Order" heimgeschickt, meine Mutter sollte noch Pflanzen ausrupfen im Garten, es würden noch welche fehlen, und sollte sie ins Krautfeld schicken. Aber das konnte sie doch nicht mehr. Dazu hatte sie keine Zeit mehr. Wo kann jemand noch Pflanzen rupfen und ins Krautfeld schicken, wenn aufeinmal ein anderes Pflänzchen da ist, das Wurzeln schlagen will hier auf der Erde? Na, es muß ihnen so etwas geahnt haben, wie als keine Pflanzen kommen. Da sind alle Leute, die in der Nähe gearbeitet haben, zusammen gekommen und haben von ihren Pflanzen noch dazugetan und geholfen, daß unsere Äcker auch fertig geworden sind. Daheim aber, da hat das Nickel's Luise, die alte gute Frau, die selbstmal Hebamme war - wie lange liegt sie schon unter der Erde - sich einen guten Kaffee gekocht mit Zuckerklümpchen drin, wie alles in der Reihe war, und ich lag in der alten Wiege, und alles war lieb und gut. Und eingewickelt hatten sie mich in der Wiege da, daß ich garnicht viel gucken konnte. Nur den dicken Balken an der weißen Stubendecke konnte ich sehen, der die Last trägt vom ganzen Haus. Den Trägerbalken hat mein Vater noch als Baum gekannt, als richtigen lebenden Baum, der droben auf dem Hanseberg gestanden hat, und wo die Vögelchen ihre Nester drauf gebaut haben, wie er noch so ein kleines Bübchen war. Und als ich so da lag und als gelauscht habe, da hat die Wanduhr immmer "tick-tack-tick-tack" gemacht an einem Stück, und es war alles so still in unserer Stube... die Mutter schlief wohl im Bett und die Mücken summten am Fenster, und draußen kamen die Leute vorbeigefahren aus dem Krautfeld. Da kamen auch unsere Leute heim und jeder wollte mich zuerst sehen und hat zum Andern "psst-psst" gemacht, daß er leise sein sollte, und jeder hat einmal ganz verwundert in die Wiege geschaut und gelacht wie das Mondgesicht am sternernen Abendhimmel. Nur mein Vater hat froh gesagt:" Gott walts, mein Bübchen, und daß du bald groß wirst." Aber da hab ich weiter "keinen Bass drauf geschlagen". Vielleicht habe ich immer so vor mich hin geträumt und immer auf die Uhr gelauscht, auf unsere alte Wanduhr, die heute noch so auf der selben Stelle hängt mit ihrem ernsten Gesicht und mit den Zeigern, die immer gelaufen sind, der eine ganz langsam und der andere ganz rasch. Und wenn man meinte, der eine hätte den anderen eingeholt, einmal, zweimal, dreimal... da lief er schon wieder weiter. Da wurde die Kette mit den Gewichten immer ein bißchen länger und da hat's nach einer Zeit an der Uhr geklopft, als wenn das heißen sollte: " Hier guck, Kleiner, schon wieder ein Teilchen rum von deinem Leben", daß ich doch erst gerade angefangen hatte. Und das "Tick-tack" war wie die zwei Messer in der Häckselbank, die die Zeit in lauter kleine Stückchen schneiden, wie lang auch der Strohhalm sein mag, der für den einen Menschen so und für den anderen so lang abgemessen ist. Später sind da noch andere Leute aus dem Dorf gekommen, die haben sich über die Wiege gebückt und mit den Köpfen gewackelt und kindisch getan und gelacht und sich gewundert darüber, das man so klein sein kann. Das heißt erinnern kann ich mich ja nicht an das alles, aber es steht mir so deutlich vor Augen, als wenn es natürlich so gewesen wäre, wie es jetzt alles hier geschrieben steht. Nur eins meine ich manchmal von den Dorfleuten, die selbst kamen und mich in der Wiege liegen sahen: Wenn die gewußt hätten, daß ich später in ihrer Sprache Verschen und Geschichtchen machen würde und dabei den einen oder den anderen so ein bißchen dahin tupfen würde, daß man sagen könnte, das ist der oder der...ich meine immer, ich meine immer...wenn die das alle so geahnt hätten daselbst, da hätten sie mich, gerade wie ein kleines Kätzchen, was zuviel ist in der Welt, lieber gleich in den Bach getragen.






Aus meiner Bouwezeit


Wäi eich mr noch net alles su richtig vir konnt stelle



Wäi eich noch su e ganz klaa Boibche sei gewäst, do wor eich noch net weirer komme wäi dohie, wu mr met dem Plouk1) hih fihrt, wann de Ärwet gedou werd em Froijohr oder em Herbst - oder en de Wisse, wann em Sommer Hah geholt wouer met dm Waa un eich met derft fohrn. Un rond im Äcker un Wisse wor dr Waald, wu de helle Wolke driwwer sei gekroche wäi dicke, buckliche Schnejel, un dodriwwer wor der Himmel gestilpt2) wäi n gruhs, gruhs sauwer gewäsche Käsglock. Doch däs, wos auswennich wor vu der Käsglock, do weßt eich dozemol noch gornaut vu. No', su noh un noh sein eich dr gewohre worn, därres aach noch Minsche un Gäul un Waa gob, däi net aus meiem Haametsdorf worn. Do hun eich mr immer mei Gedanke driwwer gemoocht, wu däi wohl herkäme. Do hun eich emol oocht gebaßt, un do sohk eich, däi kome de Bärg eronner un sein aach wirrer de Bärg enuff gemoocht, un fort worn se, haidi! Do hun eich mr gedoocht, däß inner der gruße, hellblohe Käsglock e Loch sei mißt, wu däi fremde Minsche met Gäul un Waa dorchkreuche dähre. Un aamol sein eich fortgelaafe, als dm Weg noh un de Bärg enuff, un do koom eich bis vir de Waald. Do geng owwer der Weg als weirer, un de Beem stanne su dicht dru naus, däß mr maant, mer mißt sich de Kobb wirrerstuhse, wammer donaus geng. Un aamol, wäi mr Holz hu geholt met dm Waa, sein eich als noch e Stickelche weirer komme offm Waaldweg. Do doocht eich, etz muß doch däs Loch komme em Himmel, wu däi fremde Leu met ihrm Fuhrwerk dorchmache. Doch wäi eich dohih koom, wu eich doocht, däß do su e Dihrche oder su ebbes sei mißt, do hurt dr Waald offamol off, un mr konnt des Dohl enonner gucke un sohk noch su e Dorf wäi us Dorf met dm Kerchtorm drenn. Un Wehje worn do un Wisse un Äcker un Sonneschei, grod wäi bei us deham. Un doderhenner, wos werd do daa wirrer sei? Owwer u dim Dohg hun eich dr daa doch erausgefonne, däß dr Himmel gorkaa Käsglock wor un us Dorf elaa net de Welt, un met dr Zeit sein eich daa aus dm Schwätze vu de gruhse Leu gewohre worn, därres noch vill annern Dörfer gäb un ville, ville Minsche un Koih un Gäul, däi eich all noch net zesehj hat kräit. Un wann se mr daa däs Märche verzahlt huh vom Rutkäbbche, daa weßt eich, däß wor dodriwwe em Köhlerwaald bassiert, un der Färschter, der däs Rutkäbbche un sei Grußmodder aus dm Wolf seim Leib eraus geschnirre hot, der sällwich wor, din eich jeden Dohg met seim Schäißgewihr dronne aus dm Waald sohk komme. Wäi eich daa späternaus en de Schul hu gemußt un des irschtemol en Weck hu kräit uh Kaiserschgebortsdohg un däi gruße, gruße Bilder sohk vum ahle Kaiser un vu dim bortiche Kaiser un dim junge Kaiser met dim stramme Schnorres, daa hun eich mr immer gedoocht, worimm da jeder vu däi drei e rond lang Päckelche Ziguri en dr Hand häjl, su wäi eich se als sällwichmol beim Krämer holle mußt gih. Doch vill später sein eich daa drhenner komme, däß däs jo der "Herrscherstab" wor un kaa strack Ziguri-Päckche. Un wann se daa allmenanner "Heil Dir im Siegerkranz" gesonge hu, daa hun eich meich immer driwwer gewonnert, worrim "die hohe Wonnegans fiel in des Thronesglanz". Däs hun eich mr daa su virgestahlt, wäi wann däi "hohe Wonnegans", virnehm emalliert un vergoldt, doher gewatschelt keem un daa wäi su n richtig Gans, su en fett gefoirert, schräg en din "Thronesglanz-Weiher" geretscht es un su mir naut dir naut aafach fortgeschwomme wär. Däs harre se etz drvu, doocht eich. Worrim hu se daa aach su gleichgillich däi "hohe Wonnegans" aafach fortlaafe lorre, däß se en de "Thronesglanz" falle konnt? Späternaus sein eich daa su droff komme, däs häiß jo gor net su, wäi eichs verstanne hu, naa, däs häiß jo "Fühl ihn, des Thrones Glanz, die hohe Wonne, ganz." Der ganz Groom wor owwer blus dodorch komme, weil se ni däs Komma metgesonge hu! Ds Schinste owwer wor en dr irschte Schulzeit de biwlisch Geschicht. De "Hirten auf dem Felde", däs wor nadirlich dr ahl Schäferkall met seier Schäferhett un us Koihert un noch su aaner. Der Stall, wu Maria un Joseph drenn gewuhnt hu, däs wor us Koihstall, un dr Tempel en Jerusalem, däs wor us Kerch. Un jed Gestahlt aus dr biwlisch Geschicht, däs wor e borticher, ahler Mann oder en kobdoichern3) ahl Fraa aus urrem Dorf. En jedem Eckelche en dr Gemarcking, do wor ebbes aus dr biwlisch Geschicht bassiert. Owwer ds Allerschihnste wor: Us Grosgorte hennerm Haus wor ds Paradies, un der Kaiserkronebaam, der immer su goure Birn gedraa hot, däs wor dr "Baum des Lebens". Eich sohk fermlich vir mr, wäi däi Eva din Appel fir de Adam gepleckt hot, met dm Äppelplecker nadirlich, daa vu dr Er' aus konnt mr net dru, un nuffklerrern konnte däi Weibsleu doch net met ihrne lange Röck su wäi mir Bouwe met de Buckse. Un der Engel met dim lange Schwert, der oocht sollt gäwwe, wäi däi zwaa, dr Adam un de Eva fort sei gejaht worn aus m Paradies, der hot nadirlich u der Eck no Frankhannese Gorde gestanne. Do konnt mr dozemol noch sehj, wu sei gruhse Foiß vom lange Stih engedreckt worn enn de Burrem. Später owwer hun eich jo gesehj, wäi däi Löcher dohih sei komme; däi harre jo de Hinkel gekratzt! Ja, ja, däs Paradies! Wann aach alle Virstellinge aus de Kendheitsjohrn sich met dr Zeit richtich engerenkt hu, aa Virstelling es doch gebliwwe bis häi her. Wann aach däi Pädcher net mih en dim Grosgorte sei, däi eich off meim Schulweg gedabbelt huh dorchs korze Gros un jeder Staa u m Heckerand, off dim eich gespillt hu, met Moos bewose es: Aa Virstelling, däi es doch gebliwwe, un eich will se aach gor net mih verlihrn: Däi Virstelling vum Paradies, däs hau noch do leit wäi sällwichmol en urrem gruhse, gruhse Grosgorte deham, nämlich ... mei Kendheitsparadies!

Aus meiner Bubenzeit


Wie ich mir noch nicht alles so richtig vorstellen konnte



Wie ich noch so ein ganz kleines Bübchen gewesen bin, da war ich noch nicht weiter gekommen wie dahin, wo man mit dem Pflug hin fährt, wenn die Arbeit getan wird im Frühjahr oder im Herbst – oder in die Wiesen, wenn im Sommer Heu geholt wurde mit dem Wagen und ich mit durfte fahren.. Und rund um Äcker und Wiesen war der Wald, wo die hellen Wolken drüber gekrochen sind wie dicke, buckelige Schnecken, und darüber war der Himmel gestülpt wie eine große, große sauber gewaschene Käseglocke. Doch das, was außerhalb war von der Käseglocke, da wusste ich dazumal noch gar nichts davon. Nur, so nach und nach bin ich gewahr worden, dass es auch noch Menschen und Gäule und Wagen gab, die nicht aus meinem Heimatdorf waren. Da habe ich mir immer Gedanken darüber gemacht , wo die wohl herkämen. Da habe ich einmal aufgepasst, und da sah ich, die kamen den Berg herunter und sind auch wieder den Berg hinauf gemacht, und fort waren sie, haidi! Da habe ich mir gedacht, dass unter der großen, hellblauen Käseglocke ein Loch sein müsste, wo die fremden Menschen mit Gäulen und Wagen durchkriechen würden. Und einmal bin ich fortgelaufen, immer dem Weg nach und den Berg hinauf, und da kam ich bis vor den Wald. Da ging aber der Weg immer weiter, und die Bäume standen so dicht daran hinaus, dass man meinte, man müsste sich den Kopf dagegen stoßen, wenn man da lang ging. Und einmal, wie wir Holz geholt haben mit dem Wagen, bin ich immer noch ein Stückchen weiter gekommen auf dem Waldweg. Da dachte ich, jetzt muß doch das Loch kommen im Himmel, wo die fremden Leute mit ihrem Fuhrwerk durchkommen. Doch wie ich dahin kam, wo ich dachte, dass da so ein Türchen oder so etwas sein müsste, da hörte der Wald aufeinmal auf, und man konnte das Tal hinunter blicken und sah noch so ein Dorf wie unser Dorf mit dem Kirchturm drin. Und Wege waren da und Wiesen und Äcker und Sonnenschein, gerade wie bei uns daheim. Und dahinter, was wird denn da wieder sein ? Aber an dem Tag habe ich dann doch herausgefunden, dass der Himmel gar keine Käseglocke war und unser Dorf alleine nicht die Welt, und mit der Zeit bin ich da aus dem Schwätzen von den großen Leuten gewahr geworden, dass es noch viele andere Dörfer gäbe und viele, viele Menschen und Kühe und Gäule, die ich alle noch nicht zu sehen bekommen hätte. Und wenn sie mir dann das Märchen erzählt haben vom Rotkäppchen, da wusste ich, dass war dadrüben im Köhlerwald passiert, und der Förster, der das Rotkäppchen und seine Großmutter aus dem Wolf seinen Leib heraus geschnitten hat, derselbe war, den ich jeden Tag mit seinem Schießgewehr drunten aus dem Wald kommen sah. Wie ich dann späterhinaus in die Schule hab gemusst und das erste mal einen Weck bekommen hab an Kaisers Geburtstag und die großen, großen Bilder sah vom alten Kaiser und vom bärtigen Kaiser und dem jungen Kaiser mit dem strammen Schnurrbart, da habe ich mir immer gedacht, warum denn jeder von denen drei ein rundes langes Päckelchen Zigarren in der Hand hielt, so wie ich sie selbst mal beim Krämer holen gehen musste.Doch viel später bin ich da dahinter gekommen, dass das ja der „Herrscherstab" war und kein gerades Zigarren-Päckchen. Und wenn sie da alle miteinander „Heil Dir im Siegerkranz" gesungen haben, da habe ich mich immer darüber gewundert, warum „die hohe Wonnegans fiel in des Thronesglanz". Das habe ich mir dann so vorgestellt, als wenn die „hohe Wonnegans", vornehm emailliert und vergoldet, daher gewatschelt käme und dann wie so eine richtige Gans, so fett gefüttert, schräg in den „Thronesglanz-Weiher" gerutscht ist und so mir nichts dir nichts einfach fortgeschwommen wäre. Das haben sie jetzt davon, dachte ich. Warum haben sie denn auch so gleichgültig die „hohe Wonnegans" einfach fortlaufen lassen, dass sie in den „Thronesglanz" fallen konnte? Später hinaus bin ich dann so darauf gekommen, das hieß ja gar nicht so, wie ich es verstanden habe, nein, das hieß ja „Fühl ihn, des Thrones Glanz, die hohe Wonne, ganz." Der ganze Kram war aber nur dadurch gekommen, weil sie nie das Komma mitgesungen haben! Das schönste aber war in der ersten Schulzeit die biblische Geschichte. Die „Hirten auf dem Felde", das war natürlich der alte Schäferkarl mit seiner Schäferhütte und unser Kuhhirte und noch so einer. Der Stall, wo Maria und Josef drin gewohnt haben, das war unser Kuhstall, und der Tempel in Jerusalem, das war unsere Kirche. Und jede Gestalt aus der biblischen Geschichte, das war ein bärtiger, alter Mann oder eine kopftücherne alte Frau aus unserem Dorf. In jedem Eckchen in der Gemarkung, da war etwas aus der biblischen Geschichte passiert. Aber das Allerschönste war: Unser Grasgarten hinterm Haus war das Paradies, und der Kaiserkronenbaum, der immer so gute Birnen getragen hat, das war der „Baum des Lebens". Ich sah förmlich vor mir, wie die Eva den Apfel für Adam gepflückt hat, mit dem Apfelpflücker natürlich, denn von der Erde aus konnte man nicht dran, und hinaufklettern konnten die Weibsleute doch nicht mit ihren langen Röcken so wie wir Buben mit den Hosen. Und der Engel mit dem langen Schwert, der obacht geben sollte , wie die zwei, der Adam und die Eva fort gejagt wurden aus dem Paradies, der hat natürlich an der Ecke zu Frankhannese Garten gestanden. Da konnte man dazumal noch sehen, wo seine großen Füße vom langen Stehen eingedrückt wurden in den Boden. Später aber habe ich ja gesehen, wie die Löcher dahin gekommen sind; Die hatten ja die Hühner gekratzt! Ja,ja, das Paradies! Wenn auch alle Vorstellungen aus den Kindheitsjahren sich mit der Zeit richtig eingerenkt haben, eine Vorstellung ist doch geblieben bis hierher. Wenn auch die Pfädchen nicht mehr in dem Grasgarten sind, die ich auf dem Schulweg getrampelt habe durchs hohe Gras und jeder Stein am Heckenrand, auf dem ich gespielt habe, mit Moos bewachsen ist: Eine Vorstellung, die ist doch geblieben, und ich will sie auch gar nicht mehr verlieren: Die Vorstellung vom Paradies, das heute noch so da liegt wie einst in unserem großen, großen Grasgarten daheim, nämlich ...mein Kindheitsparadies!






Aus meiner Bouwezeit


Wäi eich emol ebbes zoum Uhbeste ugestahlt hu



Wann de Feldärwet su ärg wor, däß se allmenanner naus gih mußte met Korscht un Hack, daa häises immer: "Dau mußt deham beim Haus bleiwe, owwer stell ugangst naut zoum Uhbeste oh." Un jedesmol hu se merr daa gesaat, wos eich gorned dou derft, un mestens häißes daa: jo net met Fauerzeuk1) spille! Es wär emol e Kend gewäst, däs wär elaa deham gewäst un hät met Fauerzeuk gespillt. Do wärsch Haus ugange un obgebrannt, un däs bies Kend wär metverbrannt. Wäi sei Ellern ham wern komme, härrese gorkaa Haus mih gehott un aach kaa Kend mih, un se härre naut wäi geheult un geheult. Do hun eich allemol su en ferchterlich Schahs2) gemocht kräit, däß eich jo kann Schwäwelspoo3) u hu gepackt. Un trotzdem hun eicheich mol ebbes zoum Uhbeste ugestahlt, wuvu däi Folje noch vill schlemmer worn, wäi e gloinich Fauer, un eich krogs ganz elaa ze spirn. Däi Sach wor su: Merr harre en dim Johr des Haus fresch verbotzt kräit, de Balke all schworz gestriche un de Gefächer weiß gekalkt, es wor all wonnerschih. Un vuh dim annern Ustreiche her, däs sällwichmol all metgemoocht wor worn, hot noch Forb dorimm gestanne, en aam Debbche rut, em annern schworz un em annern groi. Noo harre mr im däi Zeit en Pärner deham, der konnt su barwarisch4) schih zeichele un mole. Der hot sich en schine Dohg drugedoe un hot däi weiße Gefächer ims ganze Pärrhaus rim met lauter bondiche Bilder bemolt. Däi sotte all ebbes virstelle aus dr Offenbarung Johannis. No, däs wor dr e merkwerdig Gedäierz5). Eich hat jo des Mole lang net su lus wäi us Pärner, owwer däs wor jo kaa Grund, us Haus, däs u m Engang vum Dorf stann, aach e wink ze bemole wäi däs Pärrhaus, wos u m Ausgang vum Dorf no Orwen6) zou gestanne hot. Däi koriose Däiern un Fichurn aus dr Offenbarung Johannis härr eich jo aanerweg net su dohie gebroocht, drimm hun eich gedoocht, dau läßt emol dei Fenger vu su heiliche Sache un molst anner Zeugk. Gedoocht, gedou! Mr harre grod u dim Dohg gebacke, un su worn fresche Backeskohle do, wu met mr off weiße Wandgefächer su deutliche dicke Strich mache konnt. No, offs irscht Gefach kom e Sonnescherm en Läwensgrihs. Din hun eich dr daa met der Ölforb retzerut ausgemolt un de Stang un de Greff met der schworze Ölforb nogefohrn. Däs hot sich all su gräll vu dim fresch geweißte Wandgefach obgehowe, däß es aam schun vu weirem fermlich en de Aache geknallt hot. Eich wor net wink engebildt off mei grußortig Molerei un hat meich daa grod drugedou off m zwaate Gefach en Gäißkann met der Backeskohl virzezeichele. Däi hät sich, grosegroi ausgemolt näwich dim retzerure Sonnescherm vill besser gemoocht un wär aach vill verständlicher gewäst wäi dm Pärner sei Bilder, wu doch kaa Minsch reecht drhenner konnt komme, wos däs daa all bluß bedeure sollt. Off aamol kome us Leu aus m Feld gefohrn met dm Waa. Eich wor vu däi ihrne Gresch, wäi däi däi knallbondich Molerei doo sohke, mih erschrocke, wäi däi sällwer dorch mei Bilderwerk. O wei, o wei, s gedenkt mr ewich! Eich wor dr off aamol u m Laafe, als ims Haus erimm, un de Gahsel wor als henner mr her, als en aaner Kujäh7). Wann eich maant, daa wor eich wirrer off der Seit vu m Haus, wu der rut Sonnescherm geleucht hot, un mei Baa sei als nur su iwwer de Burrem gefluhe, däs geng su rasch, Kerle, wäi wann mr off m Karussell setze däht, un eich sohk off aamol din rure Sonnescherm off alle Gefächer ims ganze Haus erimm. No, endlich harre se meich daa gepackt, un do gobs "vum Himmel hoch" als droff off de Buckse, als droff off de Buckse. Kerle, eich hu jo grod gemaant, wu däi Schlää hikäme, do gäbs naut wäi Funke. Su harr eich zwor net met dm Fauerzeuk gespillt, owwer trotzdem hots gebrannt wäi gloihnich Fauer. Jo, wann mrsch gout maant un doch net verstanne werd vu de Leu, da kimt däs esu. Eich sein dr owwer gout drfir, weje dim Pärner seiner Molerei do es dr Konsistorialrot net met dr Gahsel hennerm her ims Pärrhaus gesaust. Un säisde, domols hun eich schun gefonne, wos der aa derf, däs derf dr anner noch lang net. No däs Fauer hot jo bal nogelorre, un däs Wihdou es bal vergange, owwer der rut Sonnescherm off dim weiße Gefach wor net mih wegzebrenge. Se hu en met Kalkforb iwwerstriche un däi häil net off der Ölforb. Su wäis e bißche geraant hot, wor e wirrer en aller Läwensfrischichkeit do. Es wor grod uverschamt vu dim Scherm, dorch all däi weiß Kalkforb wirrer dorchzeleuchte, grod, wäi wann e mache willt, däß eich als nochemol un als nochemol mei Schlä kräie sellt drfir. Eich konnt n um En' sällwer net mih sehj un wor fruh drimm, däß se no Johr un Dog de ganze Verbotz ronner gehaache hu, un däs ganz Gefach nau verschmirt es worn. Eich hu owwer aach off däi Oort nih naut mih zoum Uhbeste ugestahlt!

Aus meiner Bubenzeit


Wie ich einmal etwas zum Unbesten angestellt habe


Wenn die Feldarbeit so arg wurde, dass sie allemiteinander raus gehen mussten mit Karst (Zinkenhacke) und Hacke, da hieß es immer: „Du musst daheim beim Haus bleiben, aber stell unterdessen nichts zum Unbesten an." Und jedes mal haben sie mir dann gesagt, was ich gar nicht tun dürfte, und meistens hieß es dann: Ja nicht mit Feuerzeug spielen! Es wäre einmal ein Kind gewesen, das wäre allein daheim gewesen und hätte mit Feuerzeug gespielt. Da wäre das Haus angegangen und abgebrannt, und das böse Kind wäre mitverbrannt. Wie seine Eltern heim warn gekommen, hätten sie gar kein Haus mehr gehabt und auch kein Kind mehr, und sie hätten nichts wie geheult und geheult. Da habe ich allemal so eine fürchterlichen Angst gemacht bekommen, das ich ja keinen Schwefelspan (Zündholz) an habe gepackt. Und trotzdem habe ich einmal etwas zum Unbesten angestellt, wovon die Folgen noch viel schlimmer waren, wie ein glühendes Feuer, und ich bekam's ganz allein zu spüren. Die Sache war so: Wir hatten in dem Jahr das Haus frisch verputzt bekommen, die Balken alle schwarz gestrichen und die Gefächer weiß gekalkt, es war alles wunderschön. Und von dem anderen Anstreichen her, das daselbst alles mitgemacht worden war, hat noch Farbe rumgestanden, in einem roten Töpfchen, im anderen schwarz und im anderen grün. Nun hatten wir um diese Zeit einen Pfarrer daheim, der konnte so ungewöhnlich schön zeichnen und malen. Der hat sich eines schönen Tages darangegeben und hat die weißen Gefächer ums ganze Pfarrhaus herum mit lauter bunten Bildern bemalt. Die sollten alle etwas darstellen aus der Offenbarung Johannis. Na, das war dir ein merkwürdiges Getier. Ich hatte ja das Malen lange nicht so los wie unser Pfarrer, aber das war ja kein Grund, unser Haus, das am Eingang vom Dorf stand, auch ein wenig zu bemalen wie das Pfarrhaus, was am Ausgang vom Dorf nach Arborn zu gestanden hat. Die kuriosen Tiere und Figuren aus der Offenbarung Johannis hätte ich ja sowieso nicht so dahin gebracht, darum habe ich gedacht, du lässt einmal deine Finger von so heiligen Sachen und malst anderes Zeug. Gedacht, getan! Wir hatten gerade an dem Tag gebacken, und so waren frische Backhauskohlen da, womit man auf weißen Wandgefächern so deutliche dicke Striche machen konnte. Nun, auf's erste Gefach kam ein Sonnenschirm in Lebensgröße. Den hab ich dir dann mit der Ölfarbe ritzerot ausgemalt und die Stange und den Griff mit der schwarzen Ölfarbe nachgefahren. Das hat sich alles so grell von dem frisch geweißten Wandgefach abgehoben, daß es einem schon von weitem förmlich in die Augen geknallt ist. Ich war nicht wenig eingebildet auf meine großartige Malerei und hatte mich da gerade darangegeben auf dem zweiten Gefach eine Gießkanne mit der Backeskohle vorzuzeichnen. Die hätte sich, grasgrün ausgemalt neben dem ritzeroten Sonnenschirm viel besser gemacht und wär auch viel verständlicher gewesen wie dem Pfarrer seine Bilder, wo doch kein Mensch recht dahinter kommen konnte, was das da alles bloß bedeuten sollte. Auf einmal kamen unsere Leute aus dem Feld gefahren mit dem Wagen. Ich war von deren Geschrei, wie die die knallbunte Malerei da sahen, mehr erschrocken, wie die selber durch mein Bildwerk. O wei, o wei, es gedenkt mir ewig! Ich war dir auf einmal am Laufen, immer ums Haus herum, und die Peitsche war immer hinter mir her, wie in einer Carriere (schneller Lauf). Wenn ich meinte, da war ich wieder auf der Seite vom Haus, wo der rote Sonnenschirm geleuchtet hat, und meine Beine sind immer nur so über den Boden geflogen, das ging so rasch, Kerle, als wenn man auf einem Karussell sitzen würde, und ich sah auf einmal den roten Sonnenschirm auf allen Gefächern ums ganze Haus herum. Nun, endlich hatten sie mich dann gepackt, und dann gab's „vom Himmel hoch" immer drauf auf die Hosen, immer drauf auf die Hosen. Kerle, ich habe ja gerade gemeint, wo die Schläge hinkamen, da gäbe es nichts wie Funken. So hatte ich zwar nicht mit dem Feuerzeug gespielt, aber trotzdem hat's gebrannt wie glühendes Feuer. Ja, wenn man's gut meint und doch nicht verstanden wird von den Leuten, da kommt das so. Ich bin dir aber gut dafür, wegen dem Pfarrer seiner Malerei da ist der Konsistorialrat nicht mit der Peitsche hinter ihm her um's Pfarrhaus gesaust. Und siehste , damals habe ich schon gefunden, was der Eine darf, das darf der Andere noch lange nicht. Nun das Feuer hat ja bald nachgelassen, und das Wehtun ist bald vergangen, aber der rote Sonnenschirm auf dem weißen Gefach war nicht mehr wegzubringen. Sie haben ihn mit Kalkfarbe überstrichen und die hielt nicht auf der Ölfarbe. So wie es ein bisschen geregnet hat, war er wieder in aller Lebensfrische da. Es war gerade unverschämt von dem Schirm, durch alle die weiße Kalkfarbe wieder durchzuleuchten, gerade, als wenn er machen wollte, dass ich immer nochmal und immer noch mal meine Schläge kriegen sollte dafür. Ich konnte ihn am Ende selbst nicht mehr sehen und war froh darum, dass sie nach Jahr und Tag den ganzen Verputz runter gehauen haben, und das ganze Gefach neu verschmiert ist worden. Ich habe aber auch auf die Art nie nichts mehr zum Unbesten angestellt!