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Zuletzt aktualisiert am: 22.03.2017


Zeitung für das Dillthal
Amtliches Kreisblatt für den Dillkreis

No. 75 Dillenburg 1886/87


Kreisblatt
für den
Dillkreis, Amt Dillenburg
(Vormals Dillenburger Wochenblatt)



Selters, 2. Januar 1886.

Die gefährliche Sitte des Schießens in der Neujahrsnacht hat diesmal in dem benachbarten Flecken Herschbach ein blutiges Opfer gefordert. Ein 37jähriger dortiger Bürger (G.), Vater von drei Kindern, der seither an der Sieg als Bergmann gearbeitet, war aus Veranlassung der Weihnachtszeit zu seiner Familie heimgekehrt und hatte – niemand hatte davon Kunde – mehrere Dynamit-Patronen mitgebracht. In der Neujahrsnacht beim Kartenspiel in einem Wirthshaus sitzend, verließ er dasselbe mit der zwölften Stunde und warf eine angezündete Dynamit-Patrone auf die Landstraße vor dem Wirthshause. Ein Donnerschlag, Hereinfahren der Fensterscheiben und Auslöschen der Lampen im Wirthshause war das Werk eines Augenblicks. Eine große Einwühlung in der harten Steinmasse der Landstraße, 16 Fuß vom Withshause entfernt, bezeichnet eben noch die Stelle der verheerenden Explosion. Obgleich von Wirth und Mitgästen ernstlich gewarnt, geht der Bergmann heim, um seiner Frau „das Neujahr anzuschießen", wirft hinter sein Haus eine Dynamit-Patrone, geht ins Haus und zündet in dem Hausflur die Zündschnur einer dritten an, um die Patrone auf die Straße zu schleudern. Da bemerkt er die sich nahende Polizeimannschaft, die den Donnerschlägen nachgegangen war, und will die brennende Zündschnur löschen – und die Patrone explodirt zwischen beiden Händen. Beide Hände sind bis oberhalb der Handgelenke weggeschmettert; zwei blutende, unförmliche, zerfranste Stummel lassen kaum ahnen, daß sie jemals die Träger zweier Hände gewesen. Stücke Fleisch und Knochensplitter hangen an den Wänden und der Decke des Hausflurs, die zum Glück, weil auch die Küche in sich schließend, groß genug war, um zu verhindern, daß nicht auch das ganze Häuschen in die Luft flog. Thüren und Wände zeigen Beschädigungen.

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-Münster, 4. Jan.

Ein fürchterliches Unglück ereignete sich in dem Dörfchen Schermbeck. Der Sohn eines dortigen Metzgermeisters war auf dem Hofe des Elternhauses mit dem Spalten von Brennholz beschäftigt, als der Vater hinzutrat, um wegen der Arbeit einige Anweisungen zu ertheilen. Aus Unachtsamkeit bückt sich der alte Mann, als der Sohn bereits zum Hiebe ausgeholt hatte, über den Hauklotz und sinkt im gleichen Augenblick mit gespaltenem Schädel todt zu Boden. Die Axt hatte ihn statt des Scheites Holz getroffen. Der Jammer des unglücklichen Thäters und der Angehörigen ist unbeschreiblich. Die Leiche wurde gestern durch den Kreisphysikus und den Kreiswundarzt aus Wesel obducirt.

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- Gießen, 10.Jan.

Der Kopf vom Rumpfe getrennt wurde am Sonntag Abend gegen 7 Uhr dem Wagenmeister Hertig von der Oberhessischen Bahn. Beim Rangiren muß der Unglückliche, ein braver, im Dienst ergrauter Beamter, unter die Räder eines Wagens gekommen sein, die ihm nun den Kopf vom Körper geradezu wegschnitten. Man fand den Körper, unweit davon den Kopf, in einer großen Blutlache längs der Schienen liegen, wenige Schritte davon Laterne, Hammer und Mütze des Todten. H. hinterläßt eine kranke Frau mit drei kleinen Kindern.

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- Paris, 14. Jan.

In vorheriger Woche sind hier zwei Frauen verhaftet worden, welche das Heirathen gewerbsmäßig betrieben. In den Zeitungen war die Einrückung zu lesen : „Schöne Dame von 25 Jahren zu verheirathen. Mitgift 500,000 Frcs. Vermittler verbeten. Adressen postlagernd B. E.“ Von denjenigen, welche sich meldeten, wählte nun Frau Lindsay Denjenigen aus, welcher Nachwies, daß er die größte Summe baren Geldes,Papiere und Werthsachen besaß. Derselbe wurde einer reizenden jungen Dame, Eveline, vorgestellt, welche auch nach dem anstandmäßigen kleinen Zögern in die Heirath einwilligte. Natürlich machte der glückliche Bräutigam der reichen Braut möglichst reiche Geschenke. Nach der Hochzeit ging Eveline bei der ersten Gelegenheit mit allen Werthsachen, Geldern und Werthpapieren durch, welche sie im Hause ihres Gatten zusammenraffen konnte. Dann erschien ein ähnliches Heirathsgesuch, jedoch mit anderer Adresse in den Zeitungen und ein neuer Simpel ließ sich in derselben Weise fangen. Da mehrere der Geprellten sich an die Polizei wandten, kam diese endlich dem Treiben der beiden Schwindlerinnen auf die Spur. Eveline wurde verhaftet, als sie in den Zug steigen wollte, um sich mit einem neuen Bräutigam in England trauen zu lassen. Die Mutter, welche stets einen englischen Namen führte, wußte immer einen Vorwand zu finden, um die Trauung in England stattfinden zu lassen. Frau Lindsay hat sich im Gefängnis durch Öffnen der Adern zu tödten gesucht.

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- Bernburg (Anhalt), 16. Jan.

(Ein kostspieliger Zehnpfennigprozeß.)

Das hiesige Amtsgericht entschied vorgestern in einem Zehnpfennig-Prozesse, der auch für die Geschäftswelt anderwärts von Interesse ist. Ein Kaufmann hatte von einem auswärtigen Lieferanten eine Rechnung über gelieferte Ware erhalten, deren Gesammtbettrag 19 Mark 10 Pfg. ausmachte, nämlich 19 Mark für die Waren und 10 Pfg. für Beförderung des Packets nach der Post. Der Kaufmann hielt sich zur Zahlung der 10 Pfg. nicht verpflichtet und sandte an den Lieferanten nur 19 Mark. Diese wurden nicht angenommen, der Lieferant verklagte den Kaufmann vielmehr auf den vollen Betrag. Der Kaufmann hinterlegte darauf beim Amtsgericht 19 Mark, und in der Hauptverhandlung hatte er die Genugthuung, daß der Kläger mit seiner Mehrforderung von 10 Pfg. abgewiesen wurde. Die Zeugenaussagen stellen nämlich fest, daß es durchaus gegen allen kaufmännischen Brauch verstoße, für Beförderung von Packeten nach der Post Kosten zu berechnen. Die Kosten des Prozesses, welche dem Lieferanten zur Last fallen, belaufen sich auf ca. 90 Mark.

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Ruhrort, 23. März.

(Ein Eingewickelter.) In der Nacht von Sonntag auf Montag versuchte ein junger Mann aus Laar, welcher in der Druckerei des „Phönix" beschäftigt war, einen der im Hüttenbureau befindlichen feuerfesten Schränke zu erbrechen und zu berauben. Es war ihm bereits gelungen, zwei Thürplatten durch Sägen und Feilen auszureißen, und nur die dritte widerstand noch seinen Anstrengungen, als der Nachtwächter der Hütte, welcher Licht in dem Bureauzimmer gewahrte, den Burschen in der Arbeit störte. Auf der Flucht stürzte der Dieb in ein Zimmer des oberen Stockwerks, ergriff eine an die Wand gelehnte große Landkarte, schwang sich mit derselben behende auf einen Schrank und wickelte sich in die Karte ein. Und so war er für die Verfolger in unbegreiflicher Weise verschwunden. In dieser Lage wurde er erst am nächsten Morgen um 11 ½ Uhr von den in demselben Zimmer beschäftigten Beamten entdeckt, als er versuchte, seine auf die Dauer unbequem gewordene Lage ein wenig zu verändern.

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- Köln, 3. April 1886

Als gestern Abend nach Schluß der Strafkammersitzung die Verurtheilten in den Zellwagen transportiert wurden, entsprangen zwei der Verbrecher. Den einen derselben nahm man nach heftiger Gegenwehr wieder fest; der Andere aber, der zu 15 Jahren Zuchthaus verurtheilte Lukas Eschdorf, warf dem ihn verfolgenden Schutzmanne Sand in die Augen und entkam. Spät fand man die Zuchthauskleidung des Entwichenen in der Waisenhausgasse

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- Mainz, 4. April 1886

Der Stallbursche Jakobs aus Wittenberge bei Berlin, welcher der Brandstiftung im Baese´schen Affentheater auf der Mainzer Messe verdächtig ist, soll in Soden verhaftet und gestern Morgen mit dem ersten Zuge der Taunusbahn hierher transportirt worden sein. Wie man hört, soll der Betreffende den Brand nicht direkt angelegt, sondern einen Affen vollständig dazu dressiert haben. Er soll diesem Affen nach der Vorstellung eine Cigarre und eine Schachtel Zündhölzer in den Reisig geschoben und dem Thiere vorgemacht haben, wie man die Streichhölzer entzündet. - Am 13. d. Mts. findet im Frankfurter Hof ein Concert zum Besten der Abgebrannten statt; ebenso veranstaltet die Direction des Stadttheaters eine Wohlthätigkeits-Vorstellung zu gleichem Zwecke. - Die Sammlungen ergeben günstige Resultate, überall haben sich Leute zusammengethan, um Gaben für die bedauernswerthen Opfer des Brandunglücks zu sammeln.

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- Köln, 6. April 1886

Die Frühjahrswanderung der Fische hat begonnen, die Makrele, welche in der besseren Jahreszeit an die europäischen Küsten kommt und hoch in die Flüsse und großen Bäche zu dem Laichgeschäft steigt, ist gekommen, mehr schaarenweise wie in den Vorjahren. In voriger Woche betrug an einem Tage die Anfuhr aus der Gegend von Worringen auf unsern Markt 600 Pfund. Zwischen Köln-Mülheim ist der Wasserstand noch einige Fuß zu hoch zu einem ergiebigen Fang. In den ersten Tagen trifft hierselbst auch der Maifisch ein, wegen des hohen Wasserstandes hoffentlich zahlreicher.

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Hersfeld, 6. April.

Zur Warnung für alle, die es angeht, sei folgender Vorfall mitgetheilt: Der Bauernsohn Heinrich Wilhelm Precht aus Duddenhausen an der Weser hatte sich zwei Tage vor seiner Einstellung den Zeigefinger der rechten Hand mittelst des Messers einer Häckselmaschine abgeschnitten. Er kalkulirte so: "Wenn mir der Finger fehlt, mit welchem ich den Hahn des Gewehres abdrücken muß, so muß man mich wieder laufen lassen." Der biedere Jüngling hatte sich aber verrechnet. Der Bezirksfeldwebel begab sich sofort nach Bekanntwerden des angeblichen "Unfalls" nach Duddenhausen und eine von ihm vorgenommene Untersuchung der Angelegenheit befestigte in ihm die Ueberzeugung, daß hier eine wohlüberlegte Selbstverstümmelung vorliege. Die Sache kam vor das Militärgericht, und hier wurde die Schuld des Precht festgestellt. Das Urtheil gegen denselben lautete auf 1 Jahr Gefängnis und Versetzung in die 2. Klasse des Soldatenstandes. Nach verbüßter Haft muß er seine drei Jahre doch abdienen, entweder bei einem Truppentheil oder in der Arbeiterabtheilung.

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- Kiel, 7.April. (Kameruner in Deutschland.)

Drei deutsche Seeleute aus Kamerun mit schwarzer Hautfarbe hat S.M.Schiff „Elisabeth“ mitgebracht. Wir sahen sie durch die Straßen unserer Stadt in Begleitung weißer Kameraden wandern und müssen gestehen, daß uns das Benehmen der neuen Landsleute mit Freude erfüllt. Es sind wohlgebaute, kräftige Gestalten, und die kleidsame Tracht steht ihnen recht gut. Den üblichen Gruß gegenüber den Vorgesetzten machten sie vollständig ordnungsmäßig, wie sie auch in den Exercitien sich den hiesigen Verhältnissen nach Wunsch anpassen. Wie wir hören sollen die Afrikaner hier eine Zeitlang sich aufhalten, um die bestehende Ordnung, Sitten und Gebräuche kennen zu lernen, überhaupt um Vertrauen zu ihren neuen Landsleuten zu gewinnen; später werden sie ihrem Heimatlande wieder zugeführt, und dann sollen ihnen dort irgendwelche polizeiamtliche Stellungen zugewiesen werden. Die rauhe Witterung will den Schwarzen nicht recht behagen; als unterwegs der erste Hagel vom Himmel fiel, haben sie mit Schrecken gemeint, es wären Steine von oben. Indes wird ihnen die Sachlage wohl angenehmer erscheinen, wenn erst die Junisonne ihre Strahlen herniedersendet, und Wald und Flur ihre Pracht entfalten.

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- Karlsruhe, 9. April 1886.

Der Dichter Victor v. Scheffel ist heute Abend um 7 Uhr gestorben. (v. Scheffel ist in Karlsruhe am 16. Febr. 1826 geboren, 1876 wurde derselbe vom Großherzog von Baden geadelt; derselbe ist besonders bekannt durch das epische Gedicht: „Der Trompeter von Säckingen“ und den historischen Roman „Ekkehard“). - Der unlängst verstorbene Victor v. Scheffel hatte – wie die R.Z. erzählt – einmal auch eine kleine politische Rolle zu spielen. Mit dem bekannten Rechtslehrer, Professor Karl Theodor Welcker, der seiner Zeit badischer Vertrauensmann beim deutschen Bundestag, dann ins Frankfurter Parlament gewählt Mitglied des Verfassungsausschusses war und später den Antrag auf die erbliche Kaiserwürde des Königs von Preußen einbrachte, ging Scheffel 1848 als Secretär, Legationssecretär hieß es, nach Frankfurt am Main, und als Welcker später Bevollmächtigter des deutschen Bundes zur Lösung der schleswig-holsteinischen Frage wurde, begleitet ihn der Dichter als sein juristischer Assistent auch nach Lauenburg. Aus jener Zeit stammt das folgende übermüthige Lied, ein „echter Scheffel“, vielleicht eines seiner allerersten, und das noch nicht bekannt sein dürfte:



Es war ein Commissari,
Der soff bei Tag und Nacht,
Er hatt´ einen Secretari,
Hat´s ebenso gemacht.


Depeschen, Brief und Acten
Macht´ ihnen wenig Müh´,
Sie kneipten und tabakten
Von spät bis Morgens früh.


Und lag der Commissari
Des Morgens noch im Thran,
So fing der Secretari
Das Saufen wieder an.


Wo war der Commissari,
Der soviel saufen kunnt´?
Wo war sein Secretari ?
Sie war´n beim deutschen Bund.


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Mainz, 10. April

Die Gendarmerie von Mainz nahm heute in der Wohnung des Wasenmeisters von Marienborn eine Haussuchung vor. Veranlassung zu dieser Haussuchung gab eine Anzeige, welche der Staatsbehörde zugegangen war und nach welcher der Wasenmeister das Fleisch eines zum Einscharren übergebenen Stückes Vieh zu Wurst verarbeitet und einen Theil dieser Wurst verkauft haben sollte. Die vorgenommene Haussuchung förderte nun nicht allein ca. 50 Cervelatwürste zu Tage, die eingestandenermaßen aus dem Fleisch des krepierten Stückes Vieh bereitet waren, sondern man fand auch auf dem Speicher ein Schwein, welches schon vor zwei Tagen krepiert und dem Wasenmeister zum Verscharren übergeben worden war. Durch diesen Vorfall ist unsere Nachbargemeinde in eine nicht geringe, aber leicht begreifliche Aufregung versetzt.

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- Witten a. R., 13 April 1886.

(Auch eine Hochzeitsreise.)

In seinem ersten Glückstaumel ging heute Mittag ein junges Ehepaar, eben vom Standesamte kommend, in Begleitung der Schwiegermutter in die nächste Restauration, um sich zur Feier des Tages gütlich zu thun. Von da gings in die zweite, dritte und noch einige Kneipen,bis die ganze Gesellschaft total benebelt war. Auf dem Heimwege wurden sie so lustig, daß sich ein Polizeibeamter ihrer annehmen und sie in Nummro Sicher spedieren mußte, wo sie ihren Rausch ausschliefen.
Zu Hause aber warteten die Hochzeitsgäste vergeblich auf das Brautpaar.

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- Metz, 16. April 1886.

(Um ein Stück Wurst.)

In einer Cantine des rheinischen Fuß-Artillerie-Regiments nahm ein Gefreiter im Scherz ein auf dem Verkaufstische liegendes Endchen Wurst an sich, worauf ihm der zur Dienstleistung in die Cantine commandirte Kanonier bemerkte, es sei ihm vor Kurzem erst ein Stück Wurst abhanden gekommen; der Gefreite habe das wahrscheinlich auch entwendet. Der Letztere erwiederte darauf, er habe die Wurst nicht genommen, wünsche aber, daß sie dem, der das gethan hat, gut geschmeckt habe. Diese Antwort reizte sein Gegenüber derart, daß er ein auf dem Tische liegendes großes Messer nach dem Gefreiten warf, welchem dasselbe tief zwischen den Rippen in den Körper eindrang, so daß der Verletzte während des Transports nach dem Lazareth gestorben ist. Der Thäter wurde sofort arretirt.

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Wetzlar, den 19. April.

(Folgen eines Scherzes)

Am vorigen Samstag starb hier im besten Mannesalter ein Klempnermeister an den Folgen einer inneren Verletzung, welche sich derselbe vor mehr als Jahresfrist in munterem Freundeskreise zugezogen hatte. Man machte sich nämlich damals den bekannten Scherz, dem jetzt Verstorbenen den Stuhl wegzunehmen, während dem er sich aufrecht stehend mit seinem Gegenüber unterhielt. Als er sich dann niedersetzen wollte, fiel er so unglücklich rückwärts, daß er von diesem Augenblicke an kränkelte und nicht mehr arbeiten konnte.
Möchte dieses traurige Beispiel zur Warnung dienen !

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- Köln, 20. April 1886.

Sechs Kinder in einem Jahr, das ist wohl ein Glück, welches bis jetzt nicht manchem Elternpaar beschieden gewesen sein mag, und der Vater – diesmal ist es der Tagelöhner Navsack zu Niehl – dürfte mit Recht ausgerufen haben : Herr, höre auf mit deinem Segen ! Vor zehn Monaten legte der Storch dem armen Manne drei Sprößlinge in die Wiege, gestern brachte er ihm abermals Drillinge ins Haus, zwei Mädchen und einen Buben. Die Mutter des Doppel-Terzetts und die Kinder befinden sich wohl. Wie es dem Vater zu Muthe ist, das kann der freundliche Leser sich denken !

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- Donnerstag 22. April 1886 St.Petersburg.

(Eine unheimliche Sendung)

In Petersburger Hofkreisen macht folgende Geschichte viel von sich reden: „Vor einigen Tagen langte an die Adresse der Zarin aus Paris eine riesige Kiste an, welche die Aufschrift: „Toilette-Stücke“ trug und mit Rücksicht auf die hohe Adressatin an der Grenze nicht geöffnet wurde. Die Zarin erinnerte sich wohl nicht, in der französischen Hauptstadt eine Bestellung gemacht zu haben, gab aber der Dienerschaft den Befehl, die Kiste zu öffnen und ihr über den Inhalt Bericht zu erstatten. Plötzlich hörte sie im Nebenzimmer mehrere Rufe des Entsetzens, denen ein dumpfer Fall folgte: Sie schlug die Portière zurück und sah die Kammerjungfer ohnmächtig neben der Kiste liegen, während die Uebrigen entsetzt in die Öffnung starrten. Rasch trat die Zarin hinzu und sah in der Kiste, unter Tüll und Spitzen halb verborgen, die halb verweste Leiche einer blonden jungen Frau. Sofort ward nach Paris telegraphirt, allein es gelang bis jetzt nicht, den Absender zu eruieren.

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Washington,24. April 1886.

Der Präsident Cleveland richtete ein Botschaft an den Congreß, in welcher er eine Gesetzgebung über das schwierige Problem der Arbeiterfrage empfahl und hervorhob, jede Gesetzgebung über diesen Gegenstand müsse ein ruhige, wohl überlegte und unparteiische sein. Das gegenwärtige Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit sei ein wenig befriedigendes, die Unzufriedenheit der Arbeiter sei zum großen Theil durch die unüberlegten Forderungen der Arbeitgeber hervorgerufen. Es müsse indessen auch constatirt werden, daß die Arbeiter es sich nicht immer angelegen sein ließen, Störungen der Ruhe und Ordnung zu vermeiden, die nicht zu rechtfertigen seien. Cleveland ist nicht gegen ein freiwilliges Schiedsgericht, schlägt aber vor, eine Arbeitscommission zu bilden aus 3 Mitgliedern, die Regierungsbeamte sein sollen. Diese Commission solle beauftragt sein, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu regeln.

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- Hamburg, 24. April 1886.

Die vor acht Tagen abgebrannten Imprägnirungs- und Sägewerke des Fürsten v. Bismark in Friedrichsruh sind durch die Magdeburger Feuerversicherungs-Gesellschaft geprüft und der Schaden auf rund 70,000 Mk. Festgestellt worden. Der Wiederaufbau des Etablissements ist dem braunschweiger Ingenieur G. Luther wiederum übertragen worden. (Magd.Ztg.)

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Donnerstag 22. April 1886.

Einem Bäuerlein in Hensweiler passierte ein seltenes Unglück. Ein Gasthofsbesitzer sammelte die Bierreste zusammen, goß sie in ein leeres Faß und stellte dieses in den Keller. Sein Hausknecht holte das Faß anderen Tages heraus, um es dem Nachbarn für seine Kuh zu geben. Aber schon Abends war es der Kuh auf den Trunk nicht gut zu Muthe, sie stand nicht auf. Es wurden einige Nachbarn gerufen und die Kuh aufgehoben, umsonst, sie konnte auf keinem Beine mehr stehen. Da wurde allgemein gesagt die hat einen Hexenschuß bekommen, und man überließ sie ihrem Schicksal. Anderen Tages hatte das Vieh einen tüchtigen Katzenjammer und gleichzeitig stellte sich heraus, daß es anstatt Bier 26 Liter Kornbranntwein, welche dem Gasthofbesitzer fehlten,gesoffen hatte.

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- Königsberg, 28. April 1886.

Ein entsetzlicher Vorfall hat am Gründonnerstag die Familie des Besitzers Kruppa in T. im Fischhauser Kreise in tiefe Trauer versetzt. Der Mann betrieb neben der Landwirtschaft auch das Fleischergewerbe, und seine beiden Kinder im Alter von 3 und 4 Jahren waren sehr oft dabei gewesen, wenn der Vater die Schweine abstach. Am vorerwähnten Donnerstag war Kruppa mit seiner Frau auf den Fischhauser Markt gefahren, während die beiden Kinder unter Bewachung einer älteren Dienstmagd zu Hause blieben. Der vierjährige Franz kam auf die Idee mit seinem Schwesterchen „Schweineschlachten“ zu spielen. Er holte sich zu diesem Zweck aus dem Schlachtstall das große Messer, sein Schwesterchen mußte sich, das Schreien des Schweins nachahmend, auf die Bank legen, dann brachte er ihr einen so tiefen Schnitt in den Hals bei, daß beinahe die Gurgel fast durchschnitten wäre. Kurze Zeit darauf kehrten die Eltern nach Hause zurück, wo ihnen Franz das gelungene Spiel in voller Unschuld mittheilte. Der schnell herbeigeholte Arzt hofft indessen, das Leben des Kindes zu erhalten.

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Frankfurt a. M., 1. Mai 1886.

Ein junger Mann ist gegen seinen Onkel klagbar geworden. Ersterer diente als Einjährig-Freiwilliger. Sein Onkel hatte sich vor dessen Eintritt durch seine Unterschrift verpflichtet, für den Unterhalt des Neffen während seiner Dienstzeit aufzukommen. Der Neffe lebte daraufhin auf großem Fuß, in dem einen Jahr ließ er sich nicht weniger als sieben Extraanzüge fertigen, außerdem brauchte er jeden Tag ein Paar neue weiße Handschuhe. Gleich nach Abgang des Einjährigen vom Militär wurden dessen Onkel die Rechnungen präsentirt, welche sich insgesammt auf 6975 Mk. 20 Pfg. belaufen. Dem Onkel schien dies doch etwas zu viel, und er erklärte deshalb, dafür nicht aufkommen zu wollen. Der Neffe klagt nun gegen seinen Onkel auf Zahlung dieses Betrages.

- Bagdad, 3. Mai 1886.

(Ein Landsturm – gegen Heuschrecken.)
In Wien lebende Kaufleute aus Bagdad erhielten die Meldung von dort: Ende März wurde diese Stadt von solchen riesigen Heuschreckenschwärmen heimgesucht, daß die ganze Ernte verloren schien. In dieser Noth erließ der Generalgouverneur Hydajat Pascha den Befehl, daß alle Einwohner ohne Unterschied des Standes und des Geschlechts von sieben Jahren an und weiter die Stadt verlassen und sich an der Vertilgung dieser Schwärme betheiligen müssen. Selbst die Geistlichkeit und die Officiere der Garnison mußten an diesem Ausrottungskriege theilnehmen, und nur die Schwerkranken und die zur Pflege der kleinen Kinder nöthigen Personen bildeten eine Ausnahme. Jeden Morgen verließ die Bevölkerung die Stadt, um erst am Abend wieder heimzukehren, worauf ein jeder 2 ½ Kilo todte Heuschrecken abliefern mußte, die sogleich verscharrt wurden. Zehn Tage lang hatte der Feldzug gegen die Heuschreckenschwärme angedauert.

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- Frankfurt, 5. Mai. (Ein unvernünftiger Erbe.)

Ein Gemüsehändler E. erhob am Samstag in Bessungen eine Erbschaft von 35,000 Mark. Der Anblick des Geldes scheint ihn verrückt gemacht zu haben, denn nachdem er sich einen tüchtigen Zopf angetrunken hatte, warf er in Darmstadt unter die Soldaten Hände voll Geld. Die Darmstädter Polizei, in Besorgniß, der Mann könne um seine Habe kommen, ließ ihn durch einen Schutzmann nach hier bringen. Doch nun wurden die Weingeister immer toller in ihm und machte es große Mühe, ihn zu seiner Frau zu bringen. Bevor dies jedoch gelang, zerriß er einen Tausendmarkschein und einen fraß er (eine andere Bezeichnung giebt es nicht) in einem Wirtshaus auf, während er zu Haus Alles klein schlug. Auf diese Weise wird der gute Mann seine Erbschaft wohl bald wieder los werden.

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- Stettin, 7.Mai 1886.

Der hiesigen Polizei ist es gelungen, die beiden Stettiner Handwerker zu ermitteln, deren Auftreten in Kopenhagen als Prätendenten auf den dänischen Thron jüngst so viel Aufsehen erregte, welche identisch sind mit einem alten Zuchthäusler, Tischlergeselle Hermann Robert Beck, der noch bis zum Jahre 1888 der Polizeiaufsicht unterstellt ist, und dessen Adoptivsohn Heinrich Beck. Der Vater ist 60 Jahre alt, während der Sohn, bisher unbestraft, das 21. Lebensjahr erreicht hat. Beide wohnten zuletzt in Stettin in der großen Ritterstraße. Der ältere Beck soll eine unverkennbare Aehnlichkeit mit dem von den Nihilisten ermordeten russischen Czaren Alexander besitzen, was ihn auch zu dem verwegenen Plane bewogen haben mag. Es ist wohl anzunehmen, daß die Reise anfänglich einen ganz anderen Zweck hatte, nämlich eine Diebsreise, und daß später erst die Idee in dem erfindungsreichen Verbrecherhirne aufgetaucht ist. Schwer blamirt hat sich ein Theil der dänischen Presse, welche mit großer Naivetät die Rechtmäßigkeit der Thronfolgeansprüche erörterte und nicht genug Worte machen konnte von dem „aristokratischen“ Aeußeren und „distinguirten“ Auftreten der beiden Gauner.

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- Gießen, 9. Mai 1886.

Die Musterung, deren letzter Tag heute war, sollte nicht vorübergehen, ohne zu einer Rauferei und ihren Folgen Anlaß zu geben. Am Samstag Mittag nach Beendigung des Musterungsgeschäfts waren die Wiesecker Aushebungspflichtigen beim Bier im „Wiener Hof“ versammelt, als sich auch allerlei „Freunde und Bekannte“ aus Wieseck einfanden. Nicht lange währte es, da war die schönste Schlägerei im Gange und die Polizei, die für alle Fälle gerüstet war, mußte einschreiten. Sie hatte indes keine leichte Arbeit, die Raufenden zu trennen, und namentlich der eine der zum Vergnügen Gekommenen setzte solchen Widerstand entgegen, daß er verhaftet werden mußte. Jetzt begannen Versuche, den Verhafteten zu befreien, die denn auch zur Folge hatten, daß der Arretirte entwischen konnte. Der immer heftiger werdende Lärm und die laut gewordene Absicht der Wiesecker, die Messer zu brauchen, nöthigten endlich die Schutzleute, blank zu ziehen und noch fünf der Lärmmacher zu verhaften, worauf die Ruhe wieder hergestellt wurde.
Die Wiesecker, die am Morgen mit Musik zur Stadt gekommen waren, wurden nunmehr ohne Musik zur Stadtgrenze geleitet.

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Berlin, 10. Mai.

(Ein verhängnißvoller Kuß.)
Ein Zahntechniker plomierte jüngst in seiner Wohnung einer jungen Dame die Zähne. Während der Operation soll er an der Schönen ein solches Gefallen gefunden haben, dass er nach gethaner Arbeit nicht umhin konnte, einen heißen Kuß auf ihren Kirschenmund zu drücken. Die Dame brachte die ihr erwiesene Liebenswürdigkeit zur Anzeige, so dass eine Anklage gegen den Zahntechniker erhoben wurde. Gestern wurde nun der Angeklagte vom Schöffengericht beim hiesigen Amtsgericht I wegen dieses Attentats mit Rücksicht auf seinen groben Vertrauensbruch zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt.

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Berlin, 13. Mai 1886.

Der Kaiser begab sich heute Vormittag nach dem Kreuzberg zur Besichtigung der Garde-Infantriebrigade (Kaiser Franz-Regiment und 3. Garde-Regiment). Nach der Besichtigung nahm der Kaiser militärische Meldungen entgegen und empfing den Kriegsminister und den Chef des Militärcabinets zum Vortrage. Nachmittags empfing er die Prinzessin Friedrich Karl, welche gestern nach Berlin zurückgekehrt ist. Um 5 Uhr fand ein größeres Essen statt, zu welchem die Generalität sowie die Divisions- und Brigabecommandeure Einladungen erhalten haben, sowie auch der Botschafter v. Schweinitz, welcher hier eingetroffen ist. Die Kaiserin gedenkt am Samstag früh nach Baden-Baden abzureisen.

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-Deuz, 15. Mai 1886.

Nach den auf der Wahner Haide gestern Nachmittag 5 Uhr abgehaltenen Schießen des königl. Sächsischen Fuß-Artillerie-Regiments Nr. 12 hat sich beim Kugelsuchen ein recht bedauerlicher Unglücksfall ereignet. Einige Kanoniere der 3. Compagnie fanden eine nicht krepirte Granate, wovon sie dem Aufsicht führenden Officiere Meldung machten. Das Geschoß wurde auf Anordnung des Officiers in ein mit Wasser gefülltes Gefäß gelegt und nach dessen Wohnung gebracht. Der Zünder sollte abgeschraubt werden und die vorsichtige Entladung des Geschosses wurde angeordnet, als plötzlich eine furchtbare Detonation erfolgte; die Granate explodirte und die Splitter drangen einem Kanonier in den Körper, daß er sofort seinen Geist aufgab. Ein anderer Soldat erlitt an Händen und Füßen schwere Verletzungen. Der Officier erhielt eine gefährliche Kopfverletzung, man sagt er habe eine Auge verloren. Die Explosion hat außerdem in dem Zimmer des Officiers einen großen Schaden verursacht. Noch an dem selbigen Tage wurden die Verunglückten nach dem hiesigen Garnison-Lazareth gebracht.

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Gladenbach, 15. Mai 1886.

Unterhalb Erdhausen liegen zwei Mühlen dicht beieinander. Beide Müller leben schon seit Jahren in Streit. Der eine derselben war vor einiger Zeit verurtheilt worden. Er drohte nun, seinen Nachbar, den Müller Klingelhöfer zu erschießen, bevor er seine Strafe antrete. Heute Abend führte er seinen Vorsatz aus. Er erschoß mit einer Flinte von seinem Hofe aus den auf seinem Gehöft in einem Stalle befindlichen Nachbar.Letzterer war sofort eine Leiche. Der Mörder ist flüchtig.

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- Cheratte 16.Mai. 1886.

(Ein trauriger Salut)

In Cheratte bei Lüttich feierten in voriger Woche zwei Paare ihre Vermählung. Zur Feier dieses Ereignisses wollten die Kohlearbeiter – wie das in den dortigen Kohlebezirken üblich – Schüsse abfeuern. Sie hatten die Hülsen zu dem Zwecke in einen länglichen Korb gethan, um sie nach dem Lokal, in dem die Hochzeiten gefeiert wurden, zu schaffen. Eben traten sie mit dem Korbe aus dem Hause heraus,als eine furchtbare Entladung erfolgte. Der Erfolg war schrecklich. Die Fenster der Häuser flogen sofort in Trümmer und die Kohlenarbeiter lagen schwer verwundet am Boden. Da die Hülsen mehrere Meter weit geschleudert wurden, so trafen sie eine in der Straße mit Murmeln spielende Kinderschar und richteten schwere Verwüstungen unter ihnen an. Fünf Arbeiter und sieben Kinder im Alter von 9 bis 12 Jahren liegen schwer verletzt darnieder.

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- Frankfurt, 16. Mai 1886.

„Versprechen macht Schulden,“ das mußte ein reicher Herr erfahren, welcher einem armen Bahnwärter dahier bei seiner 10. Kindstaufe für das 12. Kind ein Häuschen zu schenken versprach. Im October v. J. kam dieses Kind zur Welt, aber der Rentner erklärte sein mündliches Versprechen für Scherz. Jetzt hat das Landgericht ihn nach römischem Rechte zu 4266 Mark 66 Pf. verurtheilt.

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- Wetzlar, 20.Mai 1886.

Der Herausgeber der „Wetzlarer Nachrichten“ hat ein neues Unternehmen, den „Plakat-Anzeiger“, ins Leben gerufen und zu diesem Zwecke an den verkehrsreichsten Plätzen und Straßen Plakattafeln anbringen lassen.

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- Frankfurt, 20. Mai 1886.

Zwischen Frankfurt a.M. Und Höchst, an der Mainzer Landstraße, befindet sich in der Nähe des Exercierplatzes der Ort zum Abladen des Kehrichts aus der Stadt Frankfurt. Da sich gewöhnlich in der Asche noch brennbare Stoffe, wie Coaks, Kohlen und Holzreste befinden, so wird namentlich an den wöchentlichen Abfuhrtagen (Mittwoch und Samstag) der Schutthaufen von armen Leuten nach Brennmaterialien durchsucht. Bei einer solchen Gelegenheit – so schreibt man dem „Rh.K.“ aus Rödelheim – fand Ende März I.J. Ein zwölfjähriger Knabe von hier am Rande des Kehrichthaufens unter anderen Papierfetzen einen Geldbrief mit drei Einhundertmark-Scheinen. Das Couvert war versiegelt und mit einer Adresse versehen. Der Knabe öffnete dasselbe durch Aufreißen und, als er eine Ahnung von dem Werthe des Fundes erhielt, suchte er denselben schnell in seinen Kleidern zu verbergen. Diesen Vorgang hatte aber eine Frau aus Rödelheim bemerkt, die ebenfalls mit Coakssammeln beschäftigt war. Sie ließ sich nun von der Mutter des Finders das Gelöbniß des Schweigens mit einem Hundertmarkschein abkaufen. Doch „da Frauenzungen ja nimmer ruhen“, so blieb die Sache nicht verschwiegen; dieser Tage wurde nun von der Polizeibehörde hier eine Untersuchung eingeleitet. Anfangs leugneten die Betheiligten, dann gestanden sie zu 30 Mk. Gefunden zu haben, und als der widersprechenden Angaben wegen die Polizei schärfer in sie drang, gestand die Mutter des Finders die volle Wahrheit ein und übergab von dem Funde noch 130 Mk. Die andere Frau dagegen hatte mit ihre 100 Mk. schon vollständig aufgeräumt.

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Hachenburg, 21.Mai 1886.

Herr Gerichtsvollzieher Christ von hier ist mit großer Stimmenmehrheit zum Bürgermeister unserer Stadt auf sechs Jahre gewählt worden. Dem Vernehmen nach hat derselbe von seiner vorgesetzten Behörde Urlaub für diese Zeit erhalten. Da Herr Christ allgemein als humaner und tüchtiger Beamter bekannt ist, so glauben wir, daß unsere Bürger in ihm eine geeignete Persönlichkeitfür diesen wichtigen Posten erkoren haben.

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- Wetzlar, 24. Mai.

(Verheerungen durch eine Windhose.)

Gestern Abend kurz vor sieben Uhr verdunkelte sich in südöstlicher Richtung der Himmel und schwere Gewitterwolken bedeckten den Horizont. Wenige Minuten später war es völlig dunkel geworden und es entstand plötzlich ein unheimliches Geknatter – ähnlich einer Gewehrsalve. Im Nu war die Luft mit dichtem undurchdringlichen Staub bedeckt und das Werk der Zerstörung war bereits vollendet. In einer Breite von ca. ein Drittel Kilometer hatte die niedergegangene Windhose schreckliche Verheerungen angerichtet. Der Wald auf dem „Heuser Berge" wurde in einer Breite von etwa hundert Metern buchstäblich niedergelegt. Kähne welche in der Lahn lagen, wurden aus dem Wasser gehoben, durch die Luft davongetragen und weit weggeschleudert. Fürchterlich hat die Windhose dann auf dem Bahnhof gehaust; der Wagen- und Maschinenraum ist total zusammengstürzt. Beladene Eisenbahnwagen wurden umgeworfen und auf die Böschung geschleudert. Durch die sofort begonnenen Aufräumungsarbeiten wurde es indessen ermöglicht, dass der Bahnbetrieb ungestört seinen Fortgang nehmen konnte. Es ist ein Wunder, dass bei all der großen Zerstörung kein einziges Menschenleben zu beklagen ist. Merkwürdigerweise blieb unsere Stadt selbst von der Elementar-Katastrophe gänzlich verschont. Wir schwebten in größter Gefahr. Wenn die Windhose nur um ein Weniges ernstlicher losgebrochen wäre, so währe höchstwahrscheinlich unsere Stadt jetzt ein Schutt- und Trümmerhaufen.

Wie sich die Bilder gleichen ...

Herborner Tageblatt 13. August 2008

Wetzlar/Gießen.

Ein Wirbelsturm ist gestern Abend quer von Münchholzhausen über Dutenhofen nach Gießen gezogen und hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Begleitet von Starkregen entwurzelte der Mini-Tornado Bäume und deckte Dächer ab. Betonziegel flogen laut Stadtbrandinspektor Erwin Strunk 50 bis 70 Meter durch die Luft und zerstörten Fenster und Autos. Die Autobahn musste wegen umgestürzter Bäume gesperrt werden. In Münchholzhausen wurde ein gut eine Tonne schwerer Wohncontainer vom Sturm mitgerissen und blieb nach 30 Metern auf dem Kopf auf der Sudetenstraße liegen. Verletzt wurde nach Polizeiangaben niemand.

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- Greiz, 24. Mai 1886.

Das große Loos der sächsischen Lotterie mit 500,000 Mark fiel diesmal zwei hiesigen Schreinergesellen zu. Dieselben hatten aber ihr Loos an die Thür der Werkstatt angeleimt und da dasselbe nicht loszuweichen ist, werden sie der Lotterie-Commission die ausgesägte Thürfüllung präsentiren müssen, um zu Erlangung ihres Hauptgewinnes zu kommen.


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- Angermünde, 26. Mai 1886.

(Galgenhumor)

Der Füsilier Buchholz von der 12. Compagnie, welcher vor garnicht langer Zeit aus einer vierjährigen Festungshaft entlassen war, hatte sich kürzlich wieder einer Insubordination schuldig gemacht. Als er am vergangenen Sonnabend nicht zum Exerzieren kam, fanden die ausgesandten Mannschaften ihn, am Mündesee Fische angelnd, und zwar bis an die Brust im Wasser stehend, vor. Auf die Aufforderung derselben, herauszukommen, ruft Buchholz, ihnen Mütze und Schnapsflasche zuwerfend: „Da trinkt noch´n Schluck ! Adieu!“ und verschwindet im Wasser. Nach nutzlosem Suchen glaubte man schließlich, Buchholz, der gut schwimmen konnte, sei unter dem Wasser an das Rohr herangeschwommen, habe sich dort versteckt und sei dann verschwunden. Gestern Abend wurde jedoch seine Leiche unweit des Biebnitz Grabens aufgefunden.

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- Bochum, 27.Mai 1886.

Auf dem Bahnhof Wanne wurde heute in den ersten Frühstunden eine entsetzlich rohe That verübt. Im Wartesaal der dritten Classe fragte einer der Passagiere einen jungen Mann, wann der nächste Zug nach Berlin fahre. Statt jeder Antwort stieß der Gefragte dem Fremden sein Messer in die Brust und verletzte ihn tödtlich. Der Thäter wurde sofort verhaftet. Nach weitern Mittheilungen soll der Gestochene bereits gestorben sein. Ueber die Beweggründe dieses Rohheitsaktes schwebt Dunkel. Der Thäter wurde vorläufig nach Gelsenkirchen transportirt.

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Wetzlar, 2. Juni.

Das Gewitter, welches gestern Nachmittags an unserer Stadt vorüberzog, hat in unserer nächsten Umgebung fürchterlich gehaust. In Gießen selbst und namentlich in der Umgebung davon ist das Gewitter mit großem Hagelschlag begleitet niedergegangen. Es fielen Schlossen in der Größe von Hühnereiern; die ganze Ernte – fast Alles: Klee, Kartoffeln .. ist vernichtet. Durch den Sturm und die Schlossen wurden an den Häusern arge Beschädigungen angerichtet. Am Universitätsgebäude wurden beinahe sämtliche Fenster zertrümmert.; an einem Gebäude blieb von sechzig Fenstern nicht eine einzige Scheibe ganz. Die Hoffnungen des Landmannes sind mit einem Schlage vernichtet worden und der Schaden um so empfindlicher, als die Wenigsten der vom Hagel Geschädigten versichert sind.

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- Landau, 3. Juni 1886.

Am Mittwoch Mittag kurz vor halb 1 Uhr wurden die Nachbarn der Reiterkaserne aus der Mittagsruhe aufgeschreckt. In dem im Kasernenhof errichteten Kanonenremis hatte ein Artillerie-Unteroffizier Namens Viereck der 2. Feld-Artillerie-Abtheilung eine Kanone mit einem Schrapnelschuß geladen und auf sich selst abgefeuert. Der Knall war furchtbar. Die Kugeln pfiffen durch die Luft, auf sehr geringe Entfernungen an ahnungslos dahinschlendernden Spaziergängern vorbei und schlugen da und dort in den Boden, glücklicherweise ohne Unheil anzurichten. Als sich im Kasernenhof der Pulverdampf verzogen hatte, sah man Kopf und Gliedmaßen des Unglücklichen zerstreut umherliegen. Furcht vor einer mehrtägigen Arreststrafe soll den Selbstmörder zu der That veranlaßt haben.

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- Herborn 6. Juni 1886

Kaum sind die Gemüther durch die Kirchhofsfrage beruhigt, so steht eine zweite ebenso wichtige auf der Tagesordnung: die Schulfrage. Der Gemeinderath zum Theil und die Majorität des Bürgerausschusses haben sich in der Platzfrage für den Kirchberg erklärt, und zwar für ein Gebäude, welches städtisches Eigenthum ist. Der Königl.Bauinspector zu Dillenburg findet den Platz nicht entsprechend, zu klein und unzweckmäßig; die Sanitätsbehörde wird hierbei das entscheidende Wort zu sprechen haben, denn der Platz hat über 5 Jahrhunderte als Begräbnisstätte gedient. Sachverständige nehmen an, daß zwar die Pest nicht wieder zum Vorschein kommt, doch würden, wenn die ausgeschachtete Grundmasse an die Luft käme, sich andere Krankheitsstoffe entwickeln. An Rücksichten der Pietät wird bei so erhitzten Kämpfen nicht gedacht, die man den hier in Gott ruhenden doch zugestehen sollte; in jüngster Zeit sind noch ganze Skelette wohlerhalten ausgegraben worden, und darf es daher auf einge hundert Mark, die ein Bauplatz an einer anderen Stelle mehr kostet, nicht ankommen, wenn man die Pietät wahren will. Zur ewigen Grabesruhe waren die auf dem Kirchberg Ruhenden eingesegnet, darum lasse man sie ruhen zum ewigen Frieden.

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- Langendreer, 7.Juni 1886.

Am 16. August 1870 war der Bergmann M. von hier bei Metz verwundet worden. Eine Chassepotkugel war ihm in das dicke Fleisch des Oberschenkels gedrungen und hatte von den Aerzten nicht entfernt werden können. Uebrigens hinderte das eingedrungene Geschoß den Mann nicht, seinem Berufe nachzugehen. Vor ungefähr 4 Wochen fühlte der Mann Schmerzen im rechten Kniegelenk und es bildete sich eine Geschwulst. Die Kugel war herabgesunken und konnte nun auf leichte Weise entfernt werden. Das ist vor 8 Tagen geschehen. Die Kugel hatte sich im Lauf der Jahre mit einer dicken Schleimhaut umgeben.

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- Betzdorf, 10. Juni 1886.

Heute Nachmittag um 2 Uhr bemerkte ein Arbeiter, welcher mit dem Aussschachten des Terrains für den Locomotivschuppen beschäftigt ist, daß sich oben ein Stein losgelöst hatte. Er rief seinem Nebenarbeiter, dem in der Schweiz gebürtigen Friedrich Zuber ein „Achtung“ zu. Letzterer sah auf und sprang zurück. Der Stein aber schlug auf und löste sich in zwei Theile. Während Zuber dem größeren Stück nachsah und sich vor demselben sicherte, fiel das kleinere nur faust-dicke Stück ihm so unglücklich auf den Kopf, daß es einen Schädelbruch bewirkte und den sofortigen Tod herbeiführte.

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- Frankfurt, 11. Juni 1886.

Steckbrieflich verfolgt wird der Banquier Eduard Wohlfarth in Firma „Jakob Rauscher“ wegen großartiger Unterschlagungen. Derselbe hat schlecht an der Börse speculirt und griff zur Deckung seiner Verpflichtungen die ihm anvertrauten Depositen an. Der Manco beträgt ca. 350,000 Mk. Wohlfarth stammt aus eine geachteten Frankfurter Handwerkerfamilie (Sattler), die man in Altfrankfurt mit zu den wohlhabenderen zählte.

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- Hofgeismar, 13. Juni 1886.

(Mord auf offener Straße.)

Eine entsetzliche Blutthat hat seit gestern Morgen unser sonst so ruhiges Städtchen in große Aufregung versetzt. Der Drehorgelspieler Hilke, eine schlecht beleumundete Persönlichkeit, ein dem Trunke ergebener Mann, hat den alten bejahrten Todtengräber der Stadt Namens Behring am hellen Tage auf offener Straße, ermordet, und zwar ohne alle und jede Ursache und Veranlassung, soweit bis jetzt amtlich festgestellt werden konnte. Hilke hatte sich in Schnaps betrunken, bekam in der Frühe Streit mit seiner Frau und hat diese furchtbar mißhandelt. Diese schrie Hilfe, worauf Hilke in blinder Wut auf die Straße stürzte. Behring ein alter Mann von 70 Jahren, begegnete ihm, Hilke fiel über ihn her, warf ihn zu Boden und versetzte ihm mit einem ausgerissenen Pflasterstein mehrere wuchtige Schläge auf den Hinterkopf – die Schädeldecke sprang, ein Blutstrahl schoß empor – und das unglückliche Opfer lag entseelt zu den Füßen des gräulichen Mörders, der nach heftiger Gegenwehr verhaftet wurde.

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- Wien, 13. Juni 1886.

Seit längerer Zeit schon herrscht in den Wiener Vororten die Genickstarre. Jetzt ist das benachbarte Klosterneuburg durch plötzlich massenhafte Erkrankung des dortigen Pionier-Regiments an dieser schmervollen neuen Plage der Menschen geradezu in Schrecken gesetzt. Mehr als 130 Pioniere (auch vier Offiziere) sind an der Genickstarre erkrankt. Der Zuwachs an neuen Kranken von Freitag auf Samstag betrug 27 und auch vom Infanterie-Regiment Ringelsheim, welches in derselben Caserne wie die Pioniere untergebracht ist, erkrankten bereits 5 Mann. Man hat die Caserne desinficirt, die Brunnen untersucht, die Mannschaften vom Dienst befreit und ihnen täglich 2/3 Liter Wein zugelegt, aber die seltsame Krankheit scheint noch im Wachsen zu sein. Unlängst besprach man im Verein der Wiener Aerzte die bis dahin zumeist in dem ungesunden Vorort Mailberg bei Wien in etwa 30 Fällen beobachtete Genickstarre. Der Mailberger Arzt Dr. Gahlberg hatte durchweg junge Personen (18 Mädchen und 12 Knaben) in Behandlung, von welchen 12 starben, bei einzelnen Lähmungen zurück blieben. Bei den Soldaten in Klosterneuburg war bisher kein Todesfall zu verzeichnen. Eine Uebertragung des Krankheitskeimes von Person zu Person findet nicht statt, man glaubt die Krankheit auf schlechtes Trinkwasser als Träger des Ansteckungsstoffes zurückführen zu sollen. Sie sollte zumeist nach starker Durchfeuchtung des Erdbodens auftreten, insbesondere nach langen harten Wintern, in denen viel Schnee gefallen war. Man beobachtete sie in Oesterreich zum erstenmale im Jahre 1865 und dann im Jahre 1879 in Leipzig.

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- Köln, 19. Juni 1886.

Der Gymnasiast, der sich kürzlich auf Grund eines gefälschten Bestellscheines in einer hiesigen Druckerei 50 Schulzeugnißformulare fertigen ließ, hatte sich heute vor der Strafkammer wegen „Urkundenfälschung“ zu verantworten. Der Staatsanwalt hielt das Verbrechen des Obertertianers für so schwerwiegend, daß er ihm 5 Tage Gefängniß zudiktirt wissen wollte. Der Gerichtshof indeß faßte die Sache in etwas milderem Lichte auf und ließ den jungendlichen Schwerenöther mit einem „Verweis“ laufen.

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- Siegen, 19. Juni 1886.

(Unglück.)

Ein sehr beklagenswerther Unglücksfall ereignete sich heute Vormittag 9 Uhr auf der zu der Ax`schen Gerberei unterm Hain gehörenden Lohmühle: Dem daselbst beschäftigten Meister Friedrich Jung, einem 46jährigen verheiratheten Manne, wurde, da er bei der Arbeit den scharfen Messern zu Nahe kam, die rechte Hand vor dem Gelenk glatt abgeschnitten. Einem größeren Unglück beugte der Arbeiter Alfred Menge vor, in dem er sofort den Treibriemen abstellte, sonst wäre wohl der ganze Arm verloren gewesen. Der beklangenswerthe Man, dem zum Glück der Segen der Unfallversicherung zur Seite steht, wurde ins städtische Krankenhaus überführt. (S.L.Z.)

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- Berlin, 21. Juni 1886.

(Explosion.)

In der Küche für die Mannschaften des Füsilier Batallions des Kaiser-Franz-Grenadier-Regiments an der Hasenheide explodierte gestern früh nach 8 Uhr ein sog. Sekingscher Kochherd (Papinsches System) mit solcher Gewalt, daß Thüren und Fenster zersplitterten. Zwei Soldaten, Bolz von er 10. Compagnie und Koroschitzki von der 12., wurden von den aus dem Kessel geschleuderten Speisen dermaßen verbrüht, daß an der Erhaltung ihres Lebens gezweifelt werden muss. Die Gewalt der Explosion war eine so große, daß die zwei Centner Fleisch, welche sich in dem Kessel befanden, zu Atomen zerstückelt in der Küche umher lagen. Die beiden Verwundeten wurden in das Militärlazareth bei Tempelhof überführt. - Man vermuthet, daß eine Verstopfung der Ventile die Explosion veranlasst habe.

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- Hirschberg i. Schlesien, 21. Juni 1886

Im Gebirge und hier gehen anhaltende Regengüsse nieder. Der Zackenfluß hat Herischdorf, Kunersdorf und die Sandvorstadt von Hirschberg unter Wasser gesetzt und steigt noch immer reißend. Auch der Bober ist vielfach über seine Ufer getreten. Die Überschwemmung des Zacken und Bober ist eine so vollständige, wie sie noch nie stattgefunden hat. Die beiden Flüsse steigen mit reißender Schnelligkeit immer weiter. Die überschwemmten Ortschaften schweben in größter Gefahr. Die Feuerwehren sind allamirt und der angerichtete Schaden, wie man schon jetzt übersehen kann, ungeheur. Der Bober, der binnen zwei Stunden über einen Meter hoch gestiegen ist, zeigt jetzt am Pegel eine Höhe von 3,5 Meter.

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- Stettin, 27. Juni 1886.

(Schießversuche mit Revolver-Kanonen.)

Die am 21. d.J. Auf dem Damm´schen See bei Stettin vom „Vulcan“ veranstalteten Schießversuche mit Revolver-Kanonen haben zufriedenstellende Resultate ergeben. Es handelte sich dabei zugleich um Versuche mit einer neuen Art von Kriegsfahrzeug, einer sogenannten schwimmenden Cavonnière, die sich als ein kleines, völlig gedecktes, eisernes und flaches Fahrzeug darstellt, durch eine mittels Handbetrieb in Bewegung gesetzte Schiffsschraube fortbewegt wird und mit zwei Revolver-Kanonen versehen ist. Es ist auf dem „Vulcan“ für das Königliche Ingenieurcomité in Berlin gebaut worden und soll dem Vernehmen nach bei Ausfällen auf seichten Gewässern seine Verwendung finden.

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- Wetzlar, 29. Juni 1886.

(Eisen-Industrie)

Ein neuer Hoffnungsstrahl beginnt für die hartbedrängte Eisenindustrie des Lahn-, Dill- und Sieggebiets aufzuleuchten. Der Landeseisenbahnrat in Berlin nahm in seiner heutigen Sitzung nach nahezu fünfstündiger Debatte den Antrag auf Gewährung eines ermäßigten Ausnahmetarifs für die eisensteine der Lahn, Dill und Sieg innerhalb dieser Gebiete und für den Versandt nach der Ruhr, sowei für die Kokes von der Ruhr nach diesen Gebieten mit großer Majorität an. Dieser Beschluß ist mit großer Majorität gefaßt; es steht daher zu erwarten, daß die königl. Staatsregierung demselben Folge geben wird. Möge seine Ausführung für unsere Gegend Dasjenige bringen, was man in den Kreisen der Sachverstandigen von demselben erwartet: ein neues Emporblühen unserer Eisenindustrie zum Wohle unserer ganzen Gegend, insbesondere aber unserer wackern bergmännischen Bevölkerung. Dazu rufen wir von Herzen ein frohes Glück auf!

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- Düsseldorf, 29. Juni 1886.

Die hiesige Staatsanwaltschaft hat jüngst eine Bekanntmachung erlassen, durch welche aufgefordert wurde, solche Leute, welche durch das Tragen des Spazierstockes unter dem Arm in wagrechter Lage andere Passanten verletzen, festzuhalten resp. zur Anzeige zu bringen.

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- Groß-Gerau, 30. Juni 1886.

Ein merkwürdiger Unfall hat sich gestern in unserer Nachbargemeinde Nauheim zugetragen. Ein hiesiger Specereihändler, welcher mit seinem Wagen nach Trebur gefahren war, hatte bei der Rückfahrt zwei Schornsteinfeger mit aufsitzen lassen. An dem Wirtshaus zu Nauheim angekommen, sollte der eine Schornsteinfeger das Pferd halten. Dieses erschrak aber dermaßen über den schwarzen Feger, daß es den Mann zu Boden riß, auf ihn trat, und ihm mehrere Stücke Fleisch aus dem Bein riß. Darauf lief das Pferd mit dem auf dem Wagen verbliebenen zweiten Schornsteinfeger nach Trebur zurück. Die Wunden des bedauernswerthen Verletzten sind sehr schmerzhaft, sollen aber nicht lebensgefährlich sein.

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- Zweibrücken, 3. Juli 1886.

Ein Bild des krassesten Aberglaubens lieferte die vor der hiesigen Strafkammer stattgehabte Verhandlung gegen eine gewisse Frau Cath. Bott, die sich wegen Betrugs und gewerbsmäßiger Kartenschlägerei zu verantworten hatte. Die Bott hatte u.A. einer gewissen Elise S. Vorgespiegelt, ein Lehrer sei in sie verliebt; als sich derselbe jedoch anderweitig verlobte, versprach die Bott der S., sie wolle den Schritt rückgängig machen. Einer kränklichen Wittwe versprach die Angeklagte einen Mann zu verschaffen, zuerst müsse sie jedoch gesund werden; nun verschrieb ihr die Bott gegen hohes Honorar ein Rezept, wonach 5 Hasen mit Haut und Haar nebst Honig und Petersilie geröstet wurden und dieses mixtum compositum wurde von der heirathslustigen Wittwe verzehrt. Einer anderen Frauensperson schwindelte die Angeklagte vor, Gericht und Gendarmerie bannen zu können, und erzielte damit das Honorar von 300 Mk. Die Schwindlerin wurde zu 3 ½ Jahren Gefängnis und 42 Tagen Haft verurtheilt.

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- Berlin, 4. Juli 1886.

Von einem qualvollen Tode ist die Frau Dr. Schulze-Delitsch in Teltow, wo ihr in dem Pfarrhause von Superintendent Lange ein Unterkommen bereitet worden war, ereilt worden. Dieselbe hatte vergessen, vor dem Einschlafen das Licht zu löschen, die Flamme faßte Feuer und ergriff im Nu Leib- und Bettwäsche. Eine Ohnmacht, in die Frau Dr. Sch. infolge dessen verfiel, machte Hülferufe unmöglich, so daß nur lautes Stöhnen die nebenan Schlafenden von dem Unglück in Kenntnis setzt; dieselben vermochten das Feuer nur mit großer Mühe zu löschen. Die Leibwäsche war fast ganz verbrannt und der Körper stark verletzt. Die Beerdigung soll Montag im Erdbegräbniß zu Potsdam erfolgen.

Anm.: Möglicherweise handelt es sich hier um die Frau von Dr.Hermann Schulze-Delitzsch der zusammen mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen einer der Begründer des deutschen Genossenschaftswesens war. Er begründete die Vorschuß- und Kreditvereine, die heutigen Volksbanken bzw. Raiffeisenbanken. Dr. Hermann Schulze-Delitzsch starb am 29. April 1883 und wurde ebenfalls in Potsdam beigesetzt.

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- Mainz, 7. Juli 1886.

(Empfindlicher Verlust.)

Doppelt betrogen wurde ein Küfer, welcher Samstags Nachts durchkneipte und dann auf einer Bank in der Rheinpromenade ein Schläfchen hielt. Als er erwachte, bemerkte er zu seinem Schrecken, daß ihm Uhr mit Kette, sowie Portemonnaie und Brieftasche während des Schlafes entwendet worden waren. Das Schlimmste kam aber noch nach. In der Brieftasche befand sich ein Loos der Wiesbadener Rothe-Kreuz-Lotterie, welches – mit einem Gewinne von 30,000 Mark gezogen wurde.

Das ist doppeltes Pech !

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- Gießen, 12. Juli 1886.

Ein schrecklicher Unfall hat sich heute Vormittag in einer hiesigen Schneidmühle zugetragen. Beim Lohrinde-Schneiden gerieth einem Arbeiter der linke Arm in die Maschine, die nun, bevor sie zum Stillstand gebracht werden konnte, dem Unglücklichen den Arm bis zum Ellbogen stückweise abhackte. „Ach wär ich doch lieber todt !“ jammerte der Verletzte, dem, so gut es ging, sofort ein Nothverband angelegt und zu dessen Beförderung der Klinikwagen bestellt wurde. Bei dessen Ankunft besaß der Bedauernswerthe, dem der Schweiß aus allen Poren brach, Standhaftigkeit genug, allein, nur leicht gestützt, zum Wagen zu gehen und sich in diesem niederzulegen. Merkwürdig war seine Versicherung, er habe das Gefühl von Schmerzen in der abgehackten Hand. Trotz der schweren Verletzung soll Aussicht auf baldige Heilung vorhanden sein. (O.N.)

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Hannover, 20.Juli.

Heute wurde hier eine Krokodiljagd abgehalten, welche sieben Stunden dauerte. Ein auf dem Schützenfest hier gezeigtes, vor wenigen Tagen erst von Hagenbeck hierher verkauftes Krokodil von 8 ½ Fuß Länge, war gestern Abend in den zum Transport bestimmten Kasten gebracht worden, und als der Eigenthümer heute Morgen 2 Uhr noch einmal warmes Wasser geben wollte, fand er den Kasten zertrümmert, das Krokodil entwichen. Mit der herbeigerufenen Mannschaft wurde sofort eine Suche begonnen und gefunden, dass der Flüchtling seinen Weg nach der Ihme, einem Nebenflusse der Leine, genommen hatte. Erst nach zwei Stunden gelang die Entdeckung des Thieres. Die ersten Versuche des Einfangens wurden mit starken Netzen gemacht, welche jedoch von dem wild gewordenen Thiere im Moment zu Stücken gerissen wurden. Nun wurde die Jagd mit Drahtschlingen von einem Boote aus gemacht, aber ebenfalls ohne Erfolg, denn das mächtig arbeitende Thier riß den kleinen Kahn hin und her. Endlich versuchte man das Einfangen mit der Schlinge vom Lande aus, und dies führte um 9 Uhr zum Ziel. Zu dieser letzten Jagd hatten sich in einem nahen öffentlichen Bade zahlreiche Gäste eingefunden, welche von dem neuen Bewohner der Ihme keine Kenntniß hatten und erschreckt auf das Ufer eilten, als sie den weit aufgesperrten Rachen des unheimlichen Gastes erblickten. Das wuthschnaubende, wild um sich schlagende Thier machte noch viel zu schaffen, ehe es dem neuen Käfig anvertraut werden konnte.

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- Turin, 10. August.

(Der verhängnisvolle Veilchenstrauß.)

An der französisch-italienischen Grenze wird bekanntlich das Verbot der Blumeneinfuhr sehr streng gehandhabt. Davon schien eine blonde, nicht mehr ganz junge englische Miß keine Ahnung zu haben, welche, ein prachtvolles Sträußchen Nizzaer Veilchen am Busen, an den Grenzwächtern vorüber ging. Einer derselben ging auf die Dame zu und ersuchte sie, das Sträußchen abzulegen; die Engländerin verstand offenbar kein italienisch; denn, ohne die Aufforderung zu beachten, schritt sie weiter. Der Zollbeamte beharrte bei seiner Aufforderung und deutete verlangend nach dem Blumenschmuck der Schönen. Ein verächtlicher Blick streifte den Kühnen, der offenbar die Blumen als Erinnerung an die blauen Augen, in die er eben geblickt, geschenkt haben wollte. Da war es mit der Geduld des Beamten vorbei; mit frevler Hand entriß er das Bouquet dem Busen der Schönen und warf es mit weitem Schwunge von sich. Die Tochter Albions, außer sich, griff nach dem zierlichen Dolche, der den Hut an das blonde Haar befestigte und versetzte dem Unhöflichen zwei, drei Stiche ins Gesicht. Dieser Handlungsweise wegen stand die Schöne dieser Tage in Moucalier vor Gericht, das sie unter Annahme zahlreicher Milderungsgründe zu 50 Lire Strafe verurtheilte. Die Dame zahlte die Strafe und erklärte nun ihrerseits, ihre Klage gegen den Beamten einbringen zu wollen. Sie forderte die Ehe, da eine so intime Berührung, als der Freche sie gegen ihre Person gewagt habe, mehr noch als ein Kuß als Eheversprechen betrachtet werden müsse. Mit Mühe wurde der Dame beigebracht, das italienische Gesetz kenne derlei Eheversprechen nicht, und der Beamte hätte nur durch Übereifer in seiner Pflichterfüllung gefehlt. Schließlich gab sich die Tochter Albions mit einer Abbitte des Beleidigers zufrieden.

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- Worms, 11. Aug.

Gelegentlich des 16. Turnfestes des Mittelrheinkreises wurden während den drei Hauptfesttagen 3259,2 Liter Schoppenwein, 4900 Flaschen Turnerwein und nicht weniger als 19782 Liter Bier getrunken.

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- Heidelberg, 12. Aug.

Folgende wenig tactvolle patriotische Huldigung wird Wiener Blättern von dem großen Festbankette, an dem auch der deutsche Kronprinz und der Großherzog von Baden theilnahmen, mitgetheilt: Ein Conditor war in seinem Patriotismus so weit gegangen, dem Fruchteis, das den hohen Herrschaften serviert wurde, die Gestalt der Büste des deutschen Kaisers zu geben. Man kann sich wohl das Erstaunen des Kronprinzen und des Großherzogs vorstellen, als ihnen zugemuthet wurde, die Nase und die Ohren ihres Vaters bezw. Schwiegervaters in effigie abzuschneiden und zu verzehren. Mit einer unwilligen Geberde wies der Kronprinz das patriotische Kunstwerk von sich, das Gleiche that der Großherzog, und so wurde denn dasselbe einer stillen Auflösung überlassen.

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- Berlin, 15. Aug.

Die interessante Frage wie lange ein Hund ohne Nahrung leben kann, wird durch folgenden von einem hiesigen Reporter mitgetheilten Vorgang beantwortet. Ein Feldwebel eines hiesigen Truppentheils war mit seinem Regiment bezw. einem Theil desselben zu der letzten 18-tägigen Felddienstübung ausgerückt und hatte wider Willen seinen Hund, ein Thier von mittlerer Größe, in ein Zimmer eingeschlossen. Erst bei der Rückkehr gewahrte der Feldwebel die Gefangenschaft seines Hundes. Das Thier, welches außer einem Behälter mit Wasser nicht die geringste Nahrung besaß, war zwar bis auf die Knochen abgemagert und sehr schwach, aber es erkannte sofort seinen Herrn und kam ihm freudig entgegen. Durch sorgfältige Pflege mit Milch und Fleisch ist derselbe nunmehr wieder gänzlich hergestellt.

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- Düsseldorf, 15. August.

(Eine Bestrafung zur Nachahmung.)

In diesen Tagen wurde der Besitzer eines Hundes zu einer Geldstrafe von 6 Mk. verurtheilt, weil der Hund durch unablässiges Bellen und andere hündische Gewohnheiten die Nachtruhe der Anwohner gestört hatte. Der betreffende Herr zeigte sich sehr unangenehm durch diese Entscheidung berührt, nichtsdestoweniger ist sie mit vollem Recht gefällt worden. Es liegt wie man dem „Düss. Anz.“ zustimmen muß, unzweifelhaft eine große Rücksichtslosigkeit gegen die Nachbarn vor, wenn die Eigenthümer von Hunden taub gegen die von diesen verübten Ruhestörungen bleiben; denn was für eine Einwirkung die Ausdauer eines Hundes in nächtlichem Gebell und Geheul auf die Nerven der Menschen zu üben vermag, das bedarf wohl kaum einer näheren Ausschmückung. Der Gesetzgeber hat daher nur weise gehandelt, wenn er in der Polizeiverordnung vom 12. Juni 1876 festsetzte: „Hunde dürfen zur Nachtzeit nicht aus den Häusern ausgeschlossen und müssen so gehalten werden, daß sie nicht durch Geheul oder Bellen die nächtliche Ruhe stören.

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- Berlin, 20. Aug.

Kaiser Wilhelm kam heute Vormittag um 10 Uhr von Potsdam hier an. Obwohl die Zeit seiner Ankunft vorher nicht bekannt gemacht war, hatte sich dennoch eine recht zahlreiche Menge vor dem Potsdamer Bahnhof angesammelt und begrüßte den beliebten Herrscher in der herzlichsten Weise; der Kaiser sah sehr wohl aus und wurde nicht müde, nach allen Seiten hin für die ihm gespendeten Grüße freundlich zu danken. Der Kaiser besuchte die Verkaufsräume der Königlichen Porzellanmanufaktur (Leipziger Straße), besichtigte die im Zeughause aufgestellten für den Sultan von Sansibar bestimmten Geschütze und nahm hierauf im Kaiserpalais militärische Meldungen entgegen. Um 1 Uhr hatte der Unterstaatssekretär Graf Berchem Vortrag. Nachmittags kehrte der Kaiser nach Babelsberg zurück, wo er die Gesandten Schlözer und Lerchenfeld-Köfering empfangen wird.

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- Wetzlar, 23. Aug.

Ein recht bedauerlicher Unglücksfall hat sich gestern Abend am Eisenmarkt ereignet. Mehrere Jungen – Schulknaben und Lehrlinge – belustigten sich damit, Feuerwerkskörper, Frösche u. Dergl. m. Zu entzünden. Einer der Knaben sah einen solchen „Frosch“ an der Erde liegen und hob denselben auf, in der Meinung, daß das Ding entladen sei. Während er denselben noch in der Hand hielt und betrachtete, entlud sich der „Frosch“ und fuhr dem armen Burschen gerade ins rechte Auge. Das Letztere soll nach dem Ausspruch des Arztes als verloren anzusehen sein.

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St.Petersburg, 19. Aug.

Kaiser Alexander hat den bisherigen deutschen Militärbevollmächtigten General Werber aufgefordert, ihn, bevor er seine neue Stellung als Gouverneur von Berlin antritt, zu den großen Manövern in Polen zu begleiten. Da zu denselben andere fremdländische Officiere, selbst die Militärbevollmächtigten, nicht zugelassen werden, so wird General Werber der einzige Ausländer bei jenen interessanten Truppenübungen sein. Diese liebenswürdige Einladung ist ein neuer Beweis, wie sehr der Kaiser den scheidenden General schätzt und welch´ hohen Werth er auf freundschaftliche Beziehungen mit Deutschland legt. Man könnte in derselben sogar eine indirecte Antwort auf die Spionenriecherei einiger russischer Blätter sehen. - Ein Gerücht will wissen, daß Rußland bei zwei deutschen Fabriken zur Completirung des Medicinalapparats der Feldarmee eine binnen drei Monaten zu erledigende colossale Lieferung Jodoform bestellt habe. Die Fabriken sollen als höchstmöglichste Leistungsfähigkeit je 400 Pud zu liefern versprochen haben.

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- Aus Thüringen, 19. August.

(Schulen in Kamerungebieten.)

An die thüringischen Regierungen hat der Reichskanzler, der „Magdeb. Ztg.“ zufolge, die Mittheilung gelangen lassen, daß beabsichtigt werde, für die Eingeborenen im Kamerungebiete Schulen einzurichten. Zu diesem Zwecke soll vorerst ein Lehrer dahin entsendet werden, der sich für ein Jahresgehalt von 5000 Mark, freie Hin- und Rückfahrt und freie Wohnung auf zwei Jahre verbindlich macht, die Mission zu übernehmen. Die Bewerber müssen noch jung, unverheiratet und von kräftiger Constitutionsein; das Nähere wird ihnen von ihrer Landes-Regierung mitgetheilt werden.

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- Dortmund , 19. Aug.

Ein bereits mehrfach wegen Tragens nicht verliehener Orden und Ehrenzeichen bestrafter Orgeldreher wurde am letzten Sonntag wiederum mit dem Eisernen Kreuz und anderen ihm nicht gebührenden Orden betroffen. Derselbe dürfte, da er schon drei Wochen Haft für die nämliche Uebertretung erhalten hat, eine härtere Strafe umsomehr erhalten, als er die Ehrenzeichen anlegte, um bei seinem Gewerbe höhere Einnahmen zu erzielen.

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- Frankfurt a. M. 21. Aug. (Unfall)

Heute Morgen fand ein die erste deutsche Weinausstellung direct berührender Unfall statt. In dem Keller, Schöne Aussicht 18, wo die Musterflaschen für die Elsaß Lothringer Ausstellung lagern,fiel durch leichtsinnige Befestigung des Schreiners eine mit 2000 gefüllten Flaschen belegte Stellage um. Alle gingen in Stücke; Der Wein schwamm im Keller. Ein Moment früher und zwei Männer wären erschlagen worden, so konnten sie sich noch retten. Ein Glück, daß Duplikatmuster vorhanden sind; nur müssen dieselben ausgepackt und aufgestellt werden.

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- Aus Thüringen, 21. Aug.

In Kleinschoppen haben die Mutter und die Großmutter eines unehelich geborenen Kindes versucht, dem letzteren den Kopf abzudrehen; da dies nicht gelang, ergriff die Mutter der Wöchnerin (also die Großmutter des Kindes) ein Schleißenmesser und schnitt den Kopf ab. Rumpf und Kopf wurden in einer Kiste auf dem Boden verborgen gehalten. Eine anonyme Anzeige führte zur Entdeckung des Verbrechens.

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- Gräfrath, 21. August.

Seit 3 Jahren besitzen wir eine freiwillige Feuerwehr, welche sich bei verschiedenen Bränden auch ziemlich bewährt hat. Es scheint indeß, als wenn die Wehr zu wenig beschäftigt würde und der Vorstand derselben daher bestrebt sein müsse, die Thätigkeit auf andere Gebiete auszudehnen, wie folgender Vorfall zeigt. Am vergangenen Sonnabend fand eine Vorstandssitzung statt. Nach Erledigung der Tagesordnung wurde sehr lebhaft über die uns angeblich von Frankreich her drohenden Gefahren gesprochen und schwoll der nationale Kamm dabei derart an, daß folgende Depesche beschlossen und abgesandt wurde:

„Kriegsminister Boulanger, Paris.
Des deutschen Mannes Jugendkraft lebt noch !
Die Gräfrather Feuerwehr.“

Was wird der in letzter Zeit so lebhaft bekämpfte Kriegsminister für ein Gruseln bei Empfang dieser Depesche empfunden haben.

- Gräfrath, 31. August.

Die Gräfrather Feuerwehr sollte der „Frankf. Ztg.“ zufolge, an den französischen Kriegsminister Boulanger ein Telegramm des Inhalts: „Des deutschen Mannes Jugendkraft lebt noch !“ abgesandt haben. Dem „B.T.“ wird nun von dem Vorstand der genannten Wehr geschrieben: „Der unterzeichnete Vorstand erklärt hiermit, daß weder vom Vorstande noch von einem Mitgliede desselben irgend ein Telegramm an Boulanger abgesandt worden ist, auch hat der Vorstand keine andere Person mit der Abfertigung eines Telegramms beauftragt. Wie uns bekannt, ist von einem Lokale aus, in dem eine Vorstandssitzung nicht stattfand, ein Telegramm solchen Inhalts von einem einzelnen Herrn, Apotheker Meine, der nicht Mitglied des Vorstandes, abgegangen, und kann hierfür die Wehr und der Vorstand derselben nicht verantwortlich gemacht werden.

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- Speyer, 22. Aug.

Einen Selbstmord wie er hier noch nicht vorgekommen, hat heute Nachmittag ein 32 jähriger Hausierer von Schwanheim bei Annweiler hier ausgeführt. Derselbe stieg am Dom bis auf die fordere Kuppel und erreichte von dort das unter derselben befindliche Kreuz. Hier nahm er Aufstellung, feuerte aus einem Revolver drei Schüsse ab und sprang sodann unter Schwenkung seines Hutes vom Dom herab. Zerschmettert fiel der Körper aufs Pflaster.

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Hachenburg, 23. Aug.

Die Vorbereitungen für das große landwirtschaftliche Fest sind in vollem Gange. Die Anmeldungen laufen von allen Seiten sehr zahlreich ein. Die verschiedenen hier gebildeten Comité´s entwickeln eine lebhafte Thätigkeit; von dem mit der Ausschmückung der Straßen und Häuser beauftragten ist die Errichtung mehrerer Triumphbogen, sowie eine reiche Dekorierung mit Fahnen in`s Auge gefaßt. Das vom Herrn Grafen von Hachenburg entworfene und von der Firma Chapman in Hannover in Lithografie ausgeführte Festprogramm wird von allen Seiten als sehr gelungen bezeichnet. Dasselbe enthält in seinem oberen Theile ein Bild der Stadt Hachenburg nach einer alten Zeichnung, mit Mauern und Thürmen, sowie das Stadtwappen; darunter folgt die Ankündigung des Festes mit Randverzierungen, landwirthschaftliche Geräthe etc. Darstellend; am Fuße befindet sich der alte Wahlspruch des Sayn-Hachenburgischen Grafenhauses:

„Nihil sine labore“ (Nichts ohne Arbeit).


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Dillenburg, 23. Aug.

Gestern ist der für das Forstdenkmal bestimmte Hirsch, welcher nach Rauch´s Modell in Berlin gegossen wurde, hier eingetroffen. Derselbe ist liegend, mit prachtvollem Geweih, in Zink gegossen und dann galwanisirt. Er gewährt einen imposanten Anblick und soll ca. 6 Ctr. Wiegen. Sobald der Sockel mit den Inschriften hier ist, welcher ebenfalls in den nächsten Tagen erwartet wird, dürfte der Hirsch an seinen Bestimmungsplatz gebracht werden, bis dahin wird er, wie wir hören, in der Behausung des Herrn Bürgermeisters Schäfer aufbewahrt. Ueber den Zeitpunkt der Einweihung des Denkmals ist bis jetzt noch nichts bekannt und unterliegt dieses erst einem Beschluß des Comités.

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- Wetzlar, 24. Aug.
Das hier und in der Umgegend einquartirte 80. Infanterieregiment hatte heute Morgen Felddienstübung in der Gegend von Gr.-Rechtenbach. Eine zahlreiche Menschenmenge wohnte den Uebungen bei, am meisten war die Schuljugend vertreten, der die Ferien jetzt sehr gelegen kommen. Das 2. Bataillon rückte mit Musik nach 12 Uhr wieder in unsere Stadt ein.

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Weilburg, 25. Aug.

Heute zog man den Bautechniker Herrn Enterich, Vater von 8 Kindern, todt aus der Weil. Selbstmord liegt nicht vor; wahrscheinlich ist, daß der Unglückliche den rechten Weg verfehlt hat und so in die Weil geraten ist.

Weilburg, 29. Aug.

- Die Nachricht von dem Ertrinken des Herrn Bautechnikers Enterich in der Weil ist unbegründet. Derselbe befindet sich vollkommen wohl.

Anm.: eine klassische Zeitungsente !!




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- Aachen, 24. Aug.

In welcher Weise die Ortskrankenkassen ausgebeutet werden, zeigt ein jüngst hier vorgekommenern Fall, in welchem ein Arbeiter eine Anweisung auf ein Bruchband erhielt. Anstatt dasselbe zu fordern, bot er dem Bandagisten den Schein erst für zwei Mark, dann für eine Mark an. Der Bandagist ging auf den Betrug nicht ein, sondern theilte die Sache der betreffenden Kasse mit, welche die gerichtliche Untersuchung einleitete.

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München, 25. Aug.

Die Prinzessin Wilhelm von Preußen verweilte heute hier incognito im Bellevue-Hotel; heute Mittag unternahm sie mit dem Erbprinzen von Meiningen eine Rundfahrt durch die Stadt und reiste um 5 ½ Uhr nach Berlin weiter. Gleichzeitig traf um 5 Uhr der Reichskanzler Fürst Bismark hier ein und wurde auf dem Bahnhof in seinem Salonwagen von dem ebenfalls durchreisenden Minister des Innern, v. Puttkamer, begrüßt. Fürst Bismark wird in Regensburg übernachten. Das Publikum brachte der Prinzessin Wilhelm und dem Fürsten Bismark dreimalige Hochrufe aus.

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Dillenburg, 27. August 1886

(Königl. Schöffengericht)

In der gestrigen Sitzung des hiesigen Königl. Schöffengerichts ergingen folgen Urtheile :

Barlthasar K. von Oberscheld wurde wegen Feldpolizei-Uebertretung zu 2 M. Geldstrafe eventl. zu 1 Tag Haft,

Ludwig B. von Gießen wegen Bergpolizei-Uebertretung zu 10 M. Eventl. 3 Tagen Haft,

Johs. B. aus Bottenhorn wegen erschwerten Forstdiebstahls zu 5 M. 80 Pf. Werthersatz, 58 M.

Geldstrafe event. 29 Tagen Gefängniß und zusätzlich noch zu 8 Tagen Gefängniß

und Wilhelm Sch.von Dillenburg wegen Feldpolizei-Uebertretung zu 3 M. Geldstrafe und 3 Tagen Haft verurtheilt.

Der des erschwerten Forstdiebstahls angeschuldigte Ferdinand H. von Offdilln wurde freigesprochen;

ebenso erfolgte Freisprechung in der Strafsache gegen Johann Jost G. von Herbornseelbach wegen Forstpolizei-Uebertretung,

gegen Heinrich K. von Niederscheld wegen ruhestörenden Lärms

und gegen August L. von Manderbach wegen Forstdiebstahls.



Koblenz, 28. August 1886

Ein trauriger Vorfall wird aus Koblenz gemeldet: Bei Ankunft des Schnellzuges Köln – Mainz Mittags 2 Uhr wollte eine junge vornehme Russin Einkäufe in der Restauration machen, verspätete sich aber hierbei und kam erst in dem Augenblicke zurück, als der Zug, und in diesem die Mutter und Begleitung der Dame, den Bahnhof verließ. Ueber dieses Mißgeschick gerieht die des Deutschen nicht mächtige Dame in solche Aufregung, daß sie ganz außer sich und nicht zu beruhigen war, planlos umherirrte und sogar in den Rhein zu springen versuchte.Als die Mutter mit dem Nachtzug aus Mainz zurückkehrte, fand sie ihre Tochter irrsinnig. Die Bedauernswerthe ist in die Heilanstalt zu Andernach gebracht.

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-Berlin 31. Aug.

Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ sagt, die „Morning Post“ beurtheile die Lage Europas völlig falsch, wenn sie die Ungewißheit und Besorgniß, wovon in ihrem gestrigen Artikel die Rede gewesen, in den bulgarischen Verhältnissen suche. Wir haben an Bulgarien gar kein Interesse; die Verhältnisse dort lassen uns gänzlich unberührt. Wir würden ihrethalben keinen einzigen Soldaten unter Waffen halten. Die Nöthigung für unsere Rüstungen geht von Frankreich aus. Unaufhörlich steigern die Franzosen ihre Kriegsmacht; jede französische Zeitung liefert den Beweis, wie rapide die französischen Streitkräfte vermehrt werden und welche Finanzopfer man bringt, um die Schlagfertigkeit der Armee zu erhöhen. In England weiß man doch sehr wohl, daß Deutschland seinen Blick beständig nach Westen gerichtet halten muß; man sollte also dort auch darüber nicht im Zweifel sein, daß lediglich Frankreich für die Situation in Mitteleuropa verantwortlich ist. Einen kausalen Zusammenhang zwischen dieser Situation und den bulgarischen Verhältnissen construiren heißt sich mit den Tatsachen in Widerspruch setzen.

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Wetzlar, 31. Aug.

Am Vorabend des Sedantages – am Mittwoch – wird den Bewohnern unserer Stadt ein militärisches Schauspiel dargeboten sein, wie es in dieser Größe hierselbst wohl kaum jemals stattgefunden hat. An dem genannten Abend wird nämlich Seitens des 80. Regiments ein Zapfenstreich veranstaltet werden, an dem sämtliche Musiker des Regiments – 65 an der Zahl – sowie die Spielleute desselben Theil nehmen. Der Zug wird von einer Anzahl fackeltragender Soldaten begleitet sein. (W.A.)

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Herford, im August.

(Weihe´s Patentverschluß.)

Eine höchst interessante Erfindung wurde von Herrn Theodor Weihe hierselbst gemacht, welche namentlich für Cigarren-Fabrikanten und Händler werthvoll ist, gar bald aber auch den Beifall jedes Rauchers finden dürfte. Durch eine einfache aber höchst sinnreiche Vorrichtung wird mittelst des Weihe´schen Patentverschlusses, der mit der Hand angelegt werden kann, das Cigarrenkistchen, ohne daß es der sonst gebräuchlichen Nagelung bedürfte, fester und sicherer als durch diese verschlossen. Mit einem Handgriff ist das Kistchen wieder zu öffnen, wobei ebensowenig wie beim Schließen ein Werkzeug nöthig ist. Der Vortheil für den Fabrikanten besteht darin, daß das zeitraubende Zunageln, bei welchem manches Kistchen beschädigt wurde, vollständig vermieden wird. Die mit Weihe´s Patentverschluß versehenen Kistchen schauen dabei viel eleganter aus. Für den Raucher wieder ist es angenehm, daß er die gefüllte Kiste ohne Beschwerde zu öffnen vermag, daß Verletzungen der Hand, zerbrochene Messerklingen und zersplitterte Deckel, wie sie bei dem Öffnen der genagelten Kisten häufig vorkommen, ganz unmöglich sind. Bleibt im Allgemeinen die angebrochene Kiste geöffnet, so wird es doch in vielen Fällen, auf Reisen, Märschen nöthig sein, sie wieder zu verschließen. Bei den Kistchen alter Art hatte dies seine Schwierigkeiten. Weihe´s Patentverschluß erfordert nur einen einzigen Handgriff, und das Kistchen ist, wie schon gesagt, wieder fest verschlossen. Der Verschluß ist in Deutschland, England, Belgien, Schweden, Dänemark und in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika bereits patentirt. Wir zweifeln nicht daran, daß er sich bald in allen diesen Ländern einbürgern wird.

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Dillenburg, 1. Sep.

Der Gemeinderat hat beschlossen, daß der Sedanstag in der bisherigen Weise gefeiert werden soll. Am Vorabend Glockengeläute und Böllerschüsse, ebenso am Morgen des 2. September. Nach dem Gottesdienst Spaziergang der Elementarschüler und Austheilung von Bretzeln an dieselben im Rathhause.

Anm.: Gedenktag im Deutschen Kaiserreich (1871-1918) der am 2. September gefeiert wurde in Erinnerung an die siegreiche Schlacht gegen die Franzosen bei Sedan.

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- Amberg, 3. September. (Ulk.)

Einige angeheiterte Herren schlugen kürzlich Nachts, wie die Münchener „N.Nachr.“ melden, eine fingirte Depesche an den Straßenecken an, wonach Fürst Alexander von Bulgarien mit Extrazug Sonntag Mittags 11 Uhr Amberg passiren sollte. Obgleich die Zettel bald wider entfernt wurden, hatten sich doch schon Leser gefunden, und um 11 Uhr war der Bahnhof voller Neugieriger; besonders das Damengeschlecht war zahlreich vertreten.

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- Vom Niederrhein, 5. Sept.

Fortwährend mehren sich die Hiobsposten über die kolossalen Brand- und Fruchtschäden, welche das Unwetter vorgestern Abend verursacht hat. Am ganzen Niederrhein und dem angrenzenden Westfalen wird man noch lange an den diesjährigen 2. September denken. Soweit bis jetzt bekannt sind auch 3 Menschenleben zu beklagen, indem 3 Frauen durch den Blitz getödtet wurden. Verschiedene Bauernhöfe, mehrere Häuser und etliche mit Frucht angefüllte Scheunen sind gänzlich niedergebrannt; bis jetzt zählt man mindestens 15 Brandschäden, die durch den Blitz verursacht sind. Außerdem hat ein furchtbarer Hagelschlag strichweise den noch auf dem Feld befindlichen Tabak, Buchweizen und Hafer gänzlich vernichtet. Der heftige Sturm hat fast sämmliches Obst von den Bäumen geschüttelt.

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- Mannheim, 5. Sept.

(Muthmaßlicher Mord.)

An der sog. Rheinhafenspitze wurde gestern am späten Nachmittag eine männliche Leiche geländet, die nicht weniger als fünf Stichwundenin der Brust aufwies. Alle Anzeichen lassen darauf schließen, daß der ungefähr 18 bis 20 Jahre alte Jüngling das Opfer eines Mordes geworden ist. Die Stichwunden sind von solcher Beschaffenheit, daß jede einzelne hingereicht haben würde, den Tod des jungen Mannes herbeizuführen. Die Leiche war gut gekleidet und es fand sich bei derselben eine silberne Cylinderuhr und ein Portemonnaie mit 10 Pfg. Inhalt vor. Daraus kann geschlossen werden, daß hier nicht ein Raubmord, sondern ein Mord aus irgend einem anderen Motiv vorliegt. Die Untersuchung wurde sofort eingeleitet und wird dieselbe in fieberhafter Eile betrieben. - In der Leiche des Ermordeten wird ein seit einigen Tagen vermißter Schuhmachergeselle vermuthet.

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- Friedberg, 16. Sept. 1886.

Der Viehhändler J. Eberle verkaufte auf dem hiesigen Viehmarkte das auf etwa 600 Mark gewerthete Pferd eines Bauern durch Zwischenhandel. Als ihm der Bauer nach Ablauf des Kaufgeschäftes das übliche „Schmusgeld“ zu zahlen sich weigerte, begab sich Eberle in die Stallung, in welcher das Pferd untergebracht war, und schnitt demselben die Zunge vollständig ab. Der Unmensch wurde verhaftet, das Pferd mußte sofort vom Pferdeschlächter getödtet werden.

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- Frankfurt, 20. Sept. 1886.
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Hauptmann a.D. Jung heirathete vor einigen Jahren das Fräulein Wohlfahrt, Tochter des verstorbenen Buchbinders Wohlfarth, Herausgeber und Eigenthümer des ehemaligen Tageblattes. In den letzten Wochen trat, obschon das Paar mehrere Häuser hier und in Cronberg besaß, Vermögensverfall ein, welcher durch die Börsenspekulationen der Frau hervorgerufen wurde. Für die entstandenen Differenzen gab sie Wechsel, welche während der Ferien im Betrage von ca. 50,000 M. eingeklagt und für die sie verurtheilt wurde. Versuche, Geld aufzunehmen, schlugen fehl. Am Samstag kam es nun zu einer Katastrophe. Jung war in Steinach und hier, auf dem Grabe seiner ersten Frau, erschoß er zuerst seine schöne, lebenslustige Frau, die damit gewiß nicht einverstanden war, und dann sich. (Kl. Pr.)

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Holzappel, 13. Oct. 1886

Auf der hiesigen Grube ereignete sich dieser Tage ein bedauerlicher Unfall, indem einem Arbeiter von Steinsberg, welcher nicht rechtzeitig auf den üblichen Signalruf „Es brennt“ fortgelaufen war, ein Stein auf den Kopf flog, sodaß er auf der Stelle todt blieb.

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Von der Kerkerbach, 14. Oct. 1886.

Mit dem Verkehr auf der mit dem 1. d. M. Eröffneten Bahnstrecke Limburg – Hachenburg kann man bis jetzt sehr zufrieden sein. Wenn es so fort geht, und das wollen wir hoffen, dann ist an der Rentabilität der Oberwesterwaldbahn keinen Augenblick zu zweifeln. Für den hohen Westerwald ist diese Bahn eine wahre Wohlthat, weil diese abgelegene Gegend damit in den großen Weltverkehr hereingezogen worden und demselben Gelegenheit gegeben ist, seine Ausfuhrartikel: Braunkohlen, Vieh, Heu etc. weiteren Kreisen zugäglich zu machen.

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Herborn, 20. Dec. 1886

In den letzten Tagen sind hierselbst, sowie auch nach Dillenburg zu, bedeutende Mengen Schnee gefallen. Infolge dessen haben sich auch die Wildschweine in unserer Gegend stark bemerkbar gemacht. Bei einem heutigen Treiben wurden 12 dieser Thiere, darunter 5 mächtige Keiler, zur Strecke gebracht.

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Wetzlar, 20. Dec. 1886

Unser Reichtagsabg. Se. Durchlaucht Prinz Hermann zu Solms-Braunfels hat telegraphisch die Mittheilung hierher gelangen lassen, daß er die ihm übermittelte Petition der Stadt Wetzlar um Wiederverleihung einer Garnison dem Hrn. Kriegsminister übergeben und dieselbe wärmstens der Berücksichtigung empfohlen habe.

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Dillenburg, den 21. December 1886

Polizei-Verordnung.

Auf Grund der §§ 5 und 6 der Allerhöchsten Verordnung vom 20. September 1876 (Ges.-S.S. 1529) und des § 142 des Gesetzes über die allgemeine Landesverwaltung vom 30. Juli 1883 (Ges.- S.S. 195) wird für den Dillkreis mit Zustimmung des Kreisausschusses nachstehende Polizei-Verordnung erlassen:

§ 1. Die sogenannten Leichengelage sind verboten.

Nur den Todtengräbern, Todtenträgern, den nächsten Verwandten und den von auswärts zum Leichenbegräbnis kommenden Personen dürfen Speisen und Getränke verabreicht werden.

§ 2. Zuwiderhandlungen gegen die vorstehenden Bestimmungen werden mit Geldstrafe bis zu 30 Mark bestraft.

§ 3. Diese Polizei-Verordnung tritt mit dem 1. Februar 1887 in Kraft.

Der Landrath
I.B.
Fromme


Dillenburg, den 21. December 1886.

Die Herren Bürgermeister veranlasse ich, vorstehende Polizei-Verordnung vor ihrem Inkrafttreten wiederholt auf ortsübliche Weise bekannt zu machen. Ich habe mich zum Erlaß derselben veranlasst gesehen, da sowohl Seitens verschiedener Herren Geistlichen, wie auch aus der Kreisbevölkerung selbst heraus Wünsche laut geworden sind, dass die in einem Trauerhause ebenso unwürdigen wie kostspieligen Leichengelage abgestellt werden möchten. Der Kreisausschuß war einstimmig mit mir der Ansicht, dass die Beseitigung des fraglichen Unwesens von der Kreisbevölkerung um so mehr dankbar begrüßt werden wird, als notorisch bisher die meisten Leute nur aus falscher Scham der mißbräuchlichen Unsitte der Veranstaltung von Leichengelagen nachgegeben haben. Ich darf erwarten, daß die Herren Bürgermeister auch durch entsprechende warnende Belehrung auf Unterlassung der Leichengelage in ihren Gemeinden hinwirken werden, so daß Bestrafungen auf Grund obenstehender Polizei-Verordnung, welche in Uebertretungsfällen rücksichtslos zur Anwendung zu bringen ist, thunlichst vermieden werden.

Der Landrath
I.B.
Fromme

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Köln, 29. Dec.

Was man auf Reisen alles erleben kann !

Kommt da gestern ein Reisender auf dem Bergisch Märkischen Bahnhof in Deutz an und vermißt seine ziemlich hohe Barschaft sammt den Papieren, die er soeben noch besessen . Das war ein schlimmer Fall, aber es kam noch toller. Heute las er nämlich in den Kölner Zeitungen seine eigene Todesanzeige. Er, Otto Meyer, sollte gestern in einer Wirthschaft am Buttermarkte vom Schlage getroffen und als Leiche zur Morgue geschaft worden sein. Das ging ihm doch über den Spaß, er eilte nach der betreffenden Wirthschaft, wo er erfuhr, daß ein Mann gestern keuchend dort eingetreten sei und einen Cognac verlangt habe. Ehe letzterer aber noch gebracht werden konnte, sei der Mann vom Herzschlage getroffen zusammengebrochen. Bei der Visitation der Leiche habe dann die Polizei außer einer großen Barschaft auch Papiere, auf Otto Meyer aus Hamburg lautend, im Ueberzieher gefunden. Nun dämmerte unserem Beraubten und totgemeldeten Hamburger die Wahrheit; er lief zur Polizei, zum Bahnhof und zur Morgue, und soll es ihm auch nach langen Verhandlungen gelungen sein, sich als den Eigenthümer des von den todten Langfinger usurpirten Namens und Geldes auszuweisen. Wer der Todte ist, konnte bis jetzt nicht ermittelt werden.

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1886 - (König Ludwig II. und sein Bruder.)

- Aus den Kinderjahren des Königs Ludwig II. weiß das „Vaterl." Folgende Scene zu erzählen: Es war im Sommer des Jahres 1857 während des Aufenthalts des Hofes in Berchtesgaden. Die beiden Prinzen Ludwig und Otto, ersterer zwölf, letzterer neun Jahre alt, befanden sich ohne Aufsicht im Park der Königlichen Villa. Als ein Hofbeamter zufällig des Weges kam, bot sich ihm folgendes Schauspiel:

Prinz Otto lag, an Händen und Füßen gebunden, auf dem Rasen, ein Knebel steckte ihm im Munde,und um den Hals hatte er ein Sacktuch geschlungen, an welchem der zwölfjährige Ludwig heftig zerrte.Der Hofbeamte eilte erschrocken hinzu, um den schwächlichen Prinzen Otto zu befreien; doch Prinz Ludwig widersetzte sich ihm, indem er zornig rief, „Er ist mein Vasall und wagt es, ungehorsam zu sein: - ich muß ihn hinrichten!" Der Beamte mußte Gewalt anwenden, um den Prinzen Otto aus seiner Situation zu befreien. König Max II, war ebenso erschrocken als erzürnt, als er davon vernahm, und dictirte dem Kronprinzen Ludwig eine empfindliche Strafe zu. Dieser war darüber so erbittert, daß er für alle Zeit eine heftige Abneigung gegen Berchtesgaden faßte und auch nie wieder seinen Fuß dorthin setzte. Zur Zeit, als sich das Erzählte abspielte, fügt das genannte Blatt hinzu, sprach man von einem wilden „Knabenstreich"; indem man sich heute an das halb verschollene Ereigniß wieder erinnert, betrachtet man es weit ernster als Beweis, daß der König schon in seinen Kinderjahren den Keim jener furchtbaren Krankheit in sich getragen, die ihn zum unglücklichsten aller Könige machte.

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1886 - (Harte Bedingung.)

Der Stahlwarenfabrikant Flowers in Birmingham zahlt seine Leute besser wie jeder Andere und dennoch hat er immer vacante Stellen, denn nur die äußerste Noth zwingt Einen oder den Anderen, bei Flowers einen Posten anzunehmen. Der Grund ist ein tragi-komischer. Der Fabrikant ist ein ältlicher Herr, der vor kaum einem Jahr ein schönes junges Mädchen geheirathet. Er selbst hat den vollendetsten Kahlkopf, den man sich vorstellen kann, und um der jugendlichen Gattin diesen Anblick als etwas gewöhnliches hinzustellen, muß Jeder der hier ein Engagement nimmt, sich die Kopfhaare völlig abrasieren lassen. Bemerkenswert ist noch, daß sich noch hie und da ein lediger Mann dieser harten Dressur unterwirft, daß aber bis nun kein einziger verheirateter Mann anbeißen wollte, vielleicht aus Angst, der Ehefrau zu mißfallen.

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1886 - (Eine glückliche Mutter.)

Emmy Winter, die Wittwe eines Beamten in London, welche von einer kleinen Pension ihren Lebensunterhalt bestreiten musste, fristete mit ihren vier erwachsenen Töchtern ein sehr kümmerliches Dasein. Die Mädchen die sämmtlich sehr hübsch sind, beschäftigten sich mit Handarbeiten. In einem Wäschegeschäfte, wo selbst sie Hemdkragen anfertigen, lernte Lizzie Winter die Aelteste der Schwestern, einen Mohammedaner namens Habdem-El Selim kennen. Der Mann kundschaftete die Wohnung des jungen Mädchens aus und die Nettigkeit, sowie das Wesen der Familie entzückte ihn so sehr, daß er bei der Wittwe um die Hände ihrer vier Töchter anhielt, die er sämmtlich zu heirathen wünschte. Mrs. Winter sowie ihre Töchter hatten nicht das Mindeste gegen den Antrag des reichen Fremden einzuwenden, der auch die Schwiegermutter mit in sein Heim zu nehmen versprach; allein die Ober-Vormundschaft weigert sich, den Handel zu sanctioniren. Die Wittwe hat die Angelegenheit ihrem Vertreter übergeben. Sie findet es haarsträubend, daß man dem Glücke ihrer Kinder Hindernisse in den Weg legt.

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1886 - (Belohnte Kunst.)

William Wallace, einer der ersten Pistolenschützen Schottlands, produzirte sich vor einigen Tagen in London, indem er, einer Wette zufolge, mehreren in bedeutender Entfernung festgebundenen Katzen – die Augen ausschoß; Wallace hat die Wette gewonnen, allein auf Anzeige des Thierschutzvereines wurde die ganze liebenswürdige Gesellschaft verhaftet. Einige erbitterte Herren bewarfen Wallace mit Steinen, deren einer durch einen sonderbaren Zufall Wallace das rechte Auge ausschlug.

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1886 - (Acht Kinder sind genug !)

Der Kaufmann Smith in London sandte an einen Geschäftsfreund nach Worcester folgendes Telegramm: „Gratulire zur Geburt des achten Kindes.“ Der Telegraphen-Beamte Hamson, der die Depesche übernahm, setzte zum Schlusse derselben eigenmächtig die Worte hinzu: „Aber jetzt ist´s genug.“ Zufällig erkundigte sich Smizh unlängst bei seinem Freunde, ob die Depesche richtig angelangt, und dieser wies dieselbe vor. Auf die feierliche Erklärung des Londoner Freundes, daß der Zusatz von ihm nicht herrühre, verklagte der gekränkte Vater den Telegraphisten wegen der Freiheit, die er sich ganz unberechtigt genommen: Hamson meinte, er hätte nichts gethan, als einen guten Rat ertheilt; acht Kinder seien vollkommen genügend. Der Richter meinte aber:“ Niemand hat Sie um Ihre Meinung gefragt. Wenn eine solche Einmengung straflos bleiben sollte, so könne ein Telegraphen-Beamter, der zufällig ein Junggeselle ist, einer Verlobungs-Gratulation die Worte anhängen: „Heiraten Sie lieber nicht.“ Ihr Eid verpflichtet Sie nichts wegzulassen, nichts beizufügen oder zu verändern. So verurtheile ich Sie zu einer Geldstrafe von fünfzig Schilling.“ - Hamson erlegte sofort das Geld, aber als unverbesserlicher Sünder tritt er auf den Kläger zu und ruft:“ Acht Kinder sind doch genug!“

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1886 - (auf großem Fuße.)

In Chicago ist gegenwärtig eine Amerikanerin, Miß Dora, Mitglied einer angesehenen Bürgerfamilie, ausgestellt, welcher der Impresario für eine einjährige Kunstreise fünfzigtausend Dollars, ein Landgut und einen Mann garantiert. Miß Dora ist klein, zart hat aber die größten Füße der Welt, dieselben messen der Länge nach sechzig Zentimeter, die einfachsten Lederschuhe kosten für sie in der Fabrik fünfundzwanzig Dollars. Trotzdem die fünfzigtausend Dollars und das Landgut sichergestellt, hat sich bis jetzt noch kein Mann gefunden, der den Muth gehabt hätte, mit einer Frau auf so großem Fuße zu leben.

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1886 - (Gegen Ratten.)

In der „Milchzeitung“ wird auf ein Mittel, die Ratten zu vertilgen, aufmerksam gemacht, welches sich außerordentlich bewährt hat.

Dasselbe besteht in folgendem:

Man schneidet Korke in der Größe von 50-Pfennigstücken, läßt dieselben in Fett oder Butter durchbraten und streut sie an die Stellen, wo sich die Ratten hauptsächlich aufhalten. Die Korkstücke werden von den Ratten ungemein gern gefressen; jedoch krepirt das Ungeziefer bald an der Unverdaulichkeit derselben. Es dürfte sich empfehlen, mit diesem Mittel, das unseres Wissens wenig bekannt ist, einmal Versuche anzustellen.

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1886 - (Ueberall Skat.)

Unter dieser Überschrift bringt die „Hall.Ztg.“ folgendes lustiges Poem:

Als an das kaspische Meer ich trat,
Da standen drei Männer darinnen,
Die spielten während des Badens Skat
Und einer schien zu gewinnen.
Das Skat dabei auf dem Wasser schwamm,
Mir aber dünkte das wundersam.
Und als ich kam in die Baumannshöhl´,
Da fand ich wider Erwarten
Drei Männer unten, bei meiner Seel´,
Dasitzen über den Karten.
Die reizten einander beim Grubenlicht;
Ich ging davon mir gefiel das nicht.
Und als ich kam auf des Faulhorns Höh´
Wohl über Klippen und Grate,
Da fand ich drei Männer im ewigen Schnee,
Die saßen schon lange beim Skate.
Der eine gab eben zum hundertsten Mal -
Da floh ich schaudernd hinab ins Thal.
Es sitzen da im geheimen Rath
Drei strenge Richter der Todten;
Sie sollen´s sein, doch sie spielen Skat,
Obgleich es Pluto verboten.
O sagt, wohin kann der Mensch noch gehen,
Um nicht drei Männer beim Skat zu sehn ?


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1886 Steckbrief.

Gegen den unten beschriebenen Goldarbeiter Alexander Müller von Dillenburg, welcher flüchtig ist, soll eine durch Urtheil des Königlichen Schöffengerichts zu Dillenburg vom 25. März 1886 erkannte Gefängnißstrafe von vierzehn Tagen vollstreckt werden. Es wird ersucht, denselben zu verhaften und in das Amtsgerichtsgefängniß zu Dillenburg abzuliefern. Dillenburg, 24. Juni 1886, Königliches Amtsgericht, (1186) Abth. II.


Beschreibung:


Alter:
Statur:
Stirn:
Augenbrauen:
Nase:
Zähne:
Gesicht:
Sprache:
Kleidung:
Größe:
Haare:
Bart:
Augen:
Mund:
Kinn:
Gesichtsfarbe:
Besondere Kennzeichen:
32 Jahre.
schlank.
hoch.
dunkel.
gewöhnlich.
gesund.
länglich.
deutsch.
unbekannt.
ca. 1,75 m.
dunkelbraun.
dicken schwarzen Schnurrbart.
groß.
gewöhnlich.
spitz.
bleich und krankhaft.
geht nach vorn übergebeugt.



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1886 - (Ein unangenehmer Name.)

Es dürfte gerade in diesem Augenblicke interessieren, zu erfahren, woher der sonderbare Name des griechischen Ministerpräsidenten Delyannis (richtiger Deli-Yannis) stammt. Dieser Name ist kein rein griechischer, sondern aus dem türkischen Worte : Deli (närrisch) und dem griechischen Yannis (Johann) zusammengesetzt, und bedeutet somit: „Der närrische Johann“.

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1886 - (Wiesbaden ein Eldorado für junge Männer.)

Aus dem Kreise ihrer Abonnenten erhält die „N.B.“ folgende Zuschrift: „Es gibt wohl in Deutschland kaum eine zweite Stadt, in der so viele schöne Mädchen sind, wie in Wiesbaden, dem kleinen Paradiese, und in dem sogar die Frauen die Mehrzahl bilden. Die diesjährige Volkszählung ergab ein Plus von 6000 weiblichen Wesen. Wäre es nicht manchem jungen Mann in anderen Städten erwünscht, eine schöne solide und wohlerzogene Frau zu bekommen, sucht er nicht oft vergebens danach ? Ihm und all´ Denen, die in ähnlichem Falle sich befinden, seien diese Zeilen gewidmet ! Wiesbaden birgt einen Schatz schöner und reizender Mädchen und sie müssen verblühen, weil ein wirklicher Mangel an heirathsfähigen Männern ist! Mögen doch diese Zeilen in die rechten Hände kommen !“

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- (Fahrenheit.)

Am 14. Mai 1886 waren zweihundert Jahre verflossen, seitdem Gabriel Daniel Fahrenheit geboren wurde, der Verbesserer des Thermometers und Barometers. Er war der Sohn eines Kaufmanns zu Danzig. Ursprünglich für den Handelsstand bestimmt, wendete er sich aus Neigung dem Studium der Physik zu. Nach einer längeren Reise durch Deutschland und England ließ er sich in Holland nieder, wo die berühmtesten Männer seines Faches, unter anderen auch Gravesande, seine Freunde und Lehrer wurden. Er kam 1714 zuerst auf die Idee, statt des bis dahin üblichen Weingeistes das Quecksilber bei Anfertigung der Thermometer zu verwenden, wodurch diese Instrumente ungemein an Genauigkeit gewannen. Dabei nahm er die Kälte im Winter 1709 zu Danzig als Wärme-Minimum und als Anfangspunkt (Nullpunkt) seiner Scala an, die nach ihm benannt wird und noch gegenwärtig in England und den Vereinigten Staaten vielfach in Gebrauch ist. Auch construirte Fahrenheit das erste brauchbare Gewichts-Aerometer in heutiger Form und das Thermo-Barometer und machte 1721 die Entdeckung, daß Wasser bedeutend unter seinem Frostpunkte erkaltet werden kann, ohne zu gefrieren. Auch beschäftigte er sich in Holland mit Anfertigung einer Maschine zum Austrocknen überschwemmter Gegenden, erhielt darauf von der Regierung ein Privilegium, konnte aber sein Werk nicht vollenden, da ihn der Tod am 16. September 1736 überraschte.

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1886

- In Ochsenfurt wurde, wie der „Bayer.Kur.“ vernimmt, der Totengräber in Untersuchung gezogen, weil der den Todten die Hemden und sonstige Kleidungsstücke wegnahm und verkaufte.

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1886 - (Mittel gegen Hühneraugen.)

Ein Berliner, der von Hühneraugen sehr gequält, fand in einem Blatte die Anzeige, daß Hühneraugen sicher entfernt würden. Man möge sich gegen Einsendung von 1 Mark 10 Pfg. In Postmarken unter A.X. Poste restante nach Genf wenden: er that dies natürlich. In einigen Tagen bekam er folgende Antwort:

Sind ihre Hühneraugen groß,
So daß vor Schmerz Sie schwitzen,
So sägen Sie die Zehen los,
Auf denen solche sitzen.


Ich empfehle Ihnen hierzu meine Knochensägen im Preis von 10 bis 30 Mark. Dr. Eisenbart.


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1886 - (Des Meeres Hyäne.)

Aus Konstantinopel 22. d. M. Wird geschrieben: Dieser Tage wurde in der Nähe der Hauptstadt ein gewaltiger Haifisch getödtet. Fischer waren in dem Marmorameer mit dem Fangen von kleinen Delphinen (Meerschweinen) beschäftigt, als ein Hai, von einem eben ans Boot gezogenen Delphin angelockt, an der Oberfläche des Wassers erschien. Nicht ohne Mühe gelang es den Fischern, sich des Ungeheuers mittels Dynamits u.s.w. zu bemächtigen, und kaum war es ans Land geschafft, als auch schon spekulationslustige Leute sich fanden, um für theures Geld sich in den Besitz desselben zu setzen. Der Hai ist gegenwärtig in Skutari gegen Geld zu sehen. Er ist 4-5 Meter lang, soll gegen 1200 Kilogramm wiegen, hat 48 fürchterliche Zähne und einen so großen Rachen, daß ein Mensch ziemlich bequem durchschlüpfen könnte.

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1886 - (Ostindische Ritterlichkeit.)

Die Marquise von Salisbury veranstaltete vor einigen Tagen in London einen Bazar zu Gunsten eines Kinderspitals. Unter den Käufern war auch der Maharajah von Lahore; derselbe wählte einige Kleinigkeiten aus, dann zog er sein Dolchmesser hervor, schnitt rasch den linken, ganz mit Gold und Edelsteinen gestickten Aermel seines Rockes ab und legte ihn als Bezahlung vor die Marquise hin. Der Werth dieser Gabe ist ein enormer.

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1886

- Einen grauenhaften Tod hatin Baltimore ein Zahnarzt, Georg Brodel, dessen Eltern 1861 aus Frankfurt nach Amerika ausgewandert waren, gefunden. In einem Cirkus, welcher dort Vorstellungen gab, war einer der schönsten Löwen an einer durch ein Zahngeschwür hervorgerufenen gefährlichen Entzündung erkrankt, und da sich eine Geschwulst gebildet hatte, in Folge deren dem Thiere Erstickung drohte, so waren der zu Rathe gezogene Herr Brodel und ein Thierarztder Ansicht, daß nur durch Entfernung des betreffenden Zahnes das Uebel zu beheben sei. Der Löwe wurde deshalb gefesselt und ihm der Rachen durch eine kunstvolle Vorrichtung geöffnet Nachdem man sonstige Sicherheitsvorrichtungen getroffen hatte, begab sich Brodel in den Käfig und machte sich ans Werk, den Zahn zu entfernen. In dem Augenbblick, als der Zahn wich, gelang es dem geängstigten und wüthend gewordenen Thiere, sich seiner Fesseln zum Theil zu entledigen, und ehe man es verhindern konnte, hatte die Bestie Herrn Brodel erfaßt und zu Boden geschlagen. Der Thierbändiger, welcher mit einem Revolver bewaffnet bereit stand, feuerte sofort einen Schuß gegen den Löwen ab, verletzte ihn jedoch nur unbedeutend. Hierdurch noch mehr gereitzt, biß der Löwe seinem Opfer die Kehle durch und zerfleischte ihn in einem Augenblick. Der unglückliche junge Mann war sofort todt. Kurze Zeit darauf verendete der von mehreren Kugeln durchbohrte Löwe. Brodels Leiche wurde unter großer Betheiligung der Bevölkerung zu Grabe getragen. Brodel zählte erst 24 Jahre und hinterläßt eine kinderlose Wittwe, die von dem Direktor des Cirkus 30,000 Dollars Entschädigung verlangt. Das Gesetz macht den Director für den Unfall verantwortlich.

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Kaffee


1886

- (Buttermilch als Heilmittel.)

Wenn alte Leute kurzathmig werden, d.h. Der Athem geht schwer hinein und leicht heraus, da sollen sie nicht sagen, das Alter kommt und das Alter ist eine Krankheit, gegen die kann der Doktor nicht helfen. Das ist nicht wahr ! Der Alte soll auch gesund sein, und er kann es auch werden, wenn er Vernunft annimmt und sein Doktor sie ihm lehrt. Wenn alten Leuten der Athem anfängt schwer zu werden, so kann man oft sehen,daß die Rippen steif werden und sich nicht mehr so leicht bewegen. Das kommt daher, weil die weichen Knorpel hart werden. Darum lasse die Alten drei Mal die Woche Buttermilch trinken, das hilft, weil es das Harte auflöst. So steckt oft im einfachen Ding ein großes Geheimniß.

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1886

- (Auch eine Polizei-Verfügung.)

Die „Potsd. Nachr.“ schreiben: „Den Marktleuten auf dem Wochenmarkt zu Potsdam ist seit Kurzem polizeilich die Anweisung geworden, stets mit dem Gesichte nach vorn zu schauen und sich nicht umzusehen, widrigenfalls ihnen eine Denunciation bevorstehe“.

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1886

- Ueber eine wunderbare Heilung

berichtet die „Frkf. Oderztg.“: Vor etwa drei Jahren gab ein Lehrer in Booßen, Kreis Lebus, einem Schüler ein paar Ohrfeigen, bald darauf verlor der Schüler die Sprache, so daß er nur ganz leise zu lispeln vermochte. Der Lehrer mußte ein Verurtheilung über sich ergehen lassen, der Junge war unglücklich, denn alle Hilfsmittel erwiesen sich als unzureichend. Ostern 1885 wurde der Knabe confimirt und suchte nun als Hütejunge sein Brot zu verdienen. Am letzten Sonnabend war er mit seinen Kühen auf dem Felde, als eins der Thiere unruhig wurde und weglaufen wollte. In seinem Aerger und seiner Angst wollte der Knabe schreien; natürlich kam kein Ton, statt dessen aber flog ein Stück geronnenen Blutes aus dem Munde, welchem fließendes folgte und – mit einemmale konnte der Bursche nach alter Weise sprechen !

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1886

- (Aus dem Fremdenbuch.)


Auf dem Mahlbergskopf, einem Ausflugspunkt, der jedem Emser Badegast bekannt ist, liegt ein Fremdenbuch aus, in welchem die Besucher sich zu verewigen pflegen. Ein Ehemann, der in der Ehelotterie einen guten Treffer gemacht haben muß, läßt sich über Geldheirathen folgendermaßen vernehmen:


Mit gift´gem Weib ist lebenslang gequält,
wer sich ein Weib der Mitgift wegen wählt.
Denn Gift bleibt Gift, von welcher Art es sei,
Und solche Heirath ist – Giftmischerei.


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1886

- Ein Familienskandal erregt wieder einmal die Kreise der Pariser militärischen Gesellschaft auf´s Höchste. Eine nahe Verwandte des französischen Generals Faidherb, ein schönes, junges Mädchen, welches in Faubourg St. Germain Heldin aller Feste gewesen, begab sich mit ihren Verwandten im Mai d. Js. in die Normandie. Die junge Dame zeichnet prächtig, und es fiel Niemandem auf, daß sie am frühen Morgen Promenaden machte, um Skizzen zu sammeln. Ende Mai wird sie plötzlich vermißt. Man fürchtete, daß sie das Opfer eines Verbrechens geworden und hörte erst nach Tagen und Wochen namenloser Angst, daß das Fräulein mit einem Bauernjungen nach England entflohen sei. Weiter fehlte jede Nachricht bis zum 12. d. Mts.; an diesem Tage kam der Bursche, der sich zum Militär stellen mußte, mit seiner jungen Frau in die Normandie, erzählte, daß sie in England Hochzeit gemacht und daß seine Frau ihm versprochen habe, keineswegs mit ihrer Familie nach Paris zurückzukehren, sondern in der Hütte seiner Eltern zu verbleiben, bis er seiner Dienstpflicht genügt haben würde.

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1886

Sie an Ihn.

Gerne wollt´ ich Dir gehören,
Gerne ganz Dein Eigen sein -
Würd´ mich nur nicht gar so stören
Eines – ach ! Die Glatze Dein !


Er an Sie.

Laß´ die Glatz´Dich nicht betrüben,
Du mein süßes, herz´ges Kind,
Wer weiß, ob nicht – aus meinen Haaren
Deine schönen Locken sind !


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1886

- Eine launige „Verschwörungsgeschichte“ bringen die Münchner „Humor.Bl.“: Ein alter Gymnasiallehrer hat es nie dahin gebracht, seine Klasse im Zaume zu halten. Die Schüler kommen stets ohne Präparation zum Unterricht und erlauben sich während desselben allen erdenklichen Unsinn auszuführen. Der Professor ist schon so daran gewöhnt, daß er es kaum noch merkt. Aber eines schönen Tages verabreden sich seine Schüler, für den folgenden Tag einmal das Klassenpensum ordentlich zu lernen und sich während des Unterrichts überhaupt musterhaft zu betragen. Gesagt, gethan. Als am anderen Tag der Professor in das Schulzimmer tritt, ist die Klasse mäuschenstill. Er blickt sich verwundert um. Er geht nach dem Katheder und legt dort seine Bücher nieder. Er fängt an ruhig zu werden. Der Unterricht beginnt. Es werden tadellose Antworten ertheilt. Der Livius in der Hand des Professors fängt an zu zittern. Die weiteren Fragen des Professors werden prompt beantwortet, während die Klasse in tiefstem Stillschweigen verharrt. Da plötzlich erbebt der Professor am ganzen Leibe, er wirft sein Buch aus der Hand und ruft mit Stentorstimme über die ganze Klasse hinweg:

„Das lasse ich mir nicht gefallen, das ist eine ganz niederträchtige Verschwörung !“

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1886

- (Entsetzlich !)


Man schreibt der „W.Allg.Ztg.“ aus Arras: Die 15 jährige Marie Ledont, ein reizendes Backfischchen, hatte in letzter Zeit häufig mit ihren beiden Vettern Clement und Henry Mouchamblett kokettirt; die beiden Jungen, diem Alter von 17 und 18 Jahren stehen, nahmen die Sache ernst und da das Kind sich weigerte, ihre Liebe zu erwiedern, beschlossen sie, dasselbe zu ermorden. Zu diesem Zwecke holten sie Marie am 29. Mai von der Schule ab und auf dem Heimweg setzten sich die Drei, um auszuruhen, auf eine Bank. Plötzlich drückte Clement seine Cousine an die Lehne und stieß ihr zweimal ein Messer in die Brust. Trotz der Verletzung entfloh das Mädchen; die beiden eilten ihr nach und tödteten es durch Stiche in den Rücken. Dann schnitten die Mörder je ein Löckchen vom Haupte der Todten ab, bestreuten den Leichnam mit Rosen und Maiglöckchen und gingen heim – eine schreckliche Tragödie schwärmerischer Primanerliebe.

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1886

- (Concurrenz.)


Ein Seifensieder in New York ließ an den Ufern des Hudson viele Meilen weit aufwärts von der amerikanischen Metropole an jedem Felsen mit Riesenlettern anschreiben: Gebraucht nur Smith´s Seife. Sein Concurrent, Namens Jonas, dachte lange nach, wie er diese Concurrenz unschädlich machen könnte, bis er endlich einen Maler miethete, der längs der ganzen Stromstrecke unter die erwähnte Affiche mit noch größeren Lettern schreiben mußte: „... Wenn ihr die von Jonas nicht bekommen könnt !“

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1886

- (Durch Elektricität getödtet.)


Im Eremitagegarten zu Moskau, welcher elektrische Beleuchtung besitzt, fand dieser Tage ein Schaulustiger, der aber kein Eintritt bezahlen wollte, auf unerwartete Weise einen plötzlichen Tod. Derselbe, ein Bauer Matwejew, hatte mit Hülfe einiger Kameraden ein Brett aus dem Zaune genommen und Kopf und Arme schon durch die Oeffnung gesteckt, als er plötzlich, ohne einen Laut von sich zu geben, todt zu Boden sank. Er war mit der Hand an einen der Leitungsdrähte für die elektrische Beleuchtung gekommen und mit einem Schlage getödtet worden. Bekanntlich, schreibt die „M.D.Z.“, trug sich schon vor zwei Jahren ein ähnlicher, wenn auch weniger tragischer Fall da selbst zu, daß beim Ueberklettern des Zaunes einen Bauern bei Erfassung des Leitungsdrahtes die Hände so convulsivisch zusammengezogen wurden, daß er vor Schreck und Schmerz laut brüllte und sich wie wahnsinnig gebehrdete, bis man die Leitung unterbrach. Jetzt beabsichtigt man, die Drähte entweder auf Pfosten fortzuführen oder durch gut Guttapercha etc. so zu isoliren, daß Niemand verunglücken kann.

1886

- Ein Heirathsantrag durch die Zeitungsannonce gehört heutzutage zu den „nicht mehr ungewöhlichen Wegen“; Neu und jedenfalls originell ist aber ein Heirathsantrag durch – eine Cigarre. Herr X. Kaufte sich neulich ein Cigarre. Als er die Spitze derselben abschnitt, bemerkte er im Innern der Zigarre ein zusammengerolltes Stück Papier. Dasselbe war beschrieben und enthielt einen Heirathsantrag der Cigarrenarbeiterin an den event. Raucher der Cigarre. Die Heirathslustige gab an, 18 Jahre alt, hübsch und gut erzogen zu sein; an Vermögen besitze sie 240 Mark. Leider konnte Herr X., da er schon vergeben war, von diesem Antrage der Heirathscandidatin, die ihre vollständige Adresse angegeben hatte, keinen Gebrauch machen.

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1886

- Lothringen ist immer noch reich an schädlichen Thieren. Nach amtlichem Ausweis wurden im Jahre 1884/85 erlegt: 40 Wölfe, 83 Fischottern, 230 Kreuzottern. Im Jahr 1885/86 sind bereits angemeldet: 26 Wölfe, 67 Fischottern und 302 Kreuzottern.

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1886

- (Unliebsamer Druckfehler.)


In einem Blättchen zu Ibighausen stand folgende Localnachricht: Gestern ereignete sich dahier ein Unglück, das Groß und Klein zur Warnung dienen soll. Der allgemein geachtete Krämer A. Schnupferl fiel so unglücklich, daß er sich mit einer Nudel, die er in der Hand hatte, die Augen ausstach.

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1886

- Petersburg.


(Hohes Alter.) Im Alte von 114 verschied dieser Tage hier eine Dame, die eine Zeitgenossin der Kaiserin Katharina und unter dem Kaiser Paul I. Hoffräulein gewesen ist, Frau Goruli. Die Beerdigung ihrer irdischen Hülle hat am letzten Sonnabend stattgefunden. Unter den Leidtragenden befand sich eine Schwester der Verstorbenen, ebenfalls eine Zeitgenossin der Kaiserin Katharina. Dieselbe ist bereits 113 Jahre alt, dabei aber noch so rüstig,daß sie dem Sarge zu Fuß folgen konnte.

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1886

- Eine Reihe künstlicher, aber sehr lustiger Druckfehler finden wir unter dem Titel „Setzkasten-Teufeleien.“ Da heißt es : Das Kriegsministerium beschloß, die Küchen der Armee mit neuen „Blechköpfen“ auszurüsten, welche jedem Verrosten widerstehen. - Der erlauchte jugendliche Fürst hatte auf der gestrigen Treibjagd das seltene Glück, fünf sehr schöne „Basen“ erschießen zu können.

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1886

(Ein gnädiger Kaiser.)

Kaiser Kuang-Fu von China verordnet durch ein kürzlich erschienenes Decret, dass die Strafe des Litteraten und Schriftstellers Wong-Tzi , der geviertheilt werden sollte, in eine einfache Enthauptung umgewandelt werden solle. Der Schriftsteller hatte nämlich das Majestätsverbrechen begangen, in einer seiner wissenschaftlichen Arbeiten auch die Namen mehrerer verstorbener chinesischer Kaiser zu nennen, was die chinesische Hofetikette strengstens verbietet. Die Kinder dieses großen Verbrechers sollen im Herbste hingerichtet werden.

- (Recht so !)

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1886

- (Schreiben eines Franzosen an eine Berliner Firma.)


Eine Berliner Fabrik hatte einem Advokaten in Chatellerault ein französisches Cirkular zugeschickt, in welchem sie denselben bat, ihr die Häuser in der Stadt zu nennen, welche in den Artikeln der Firma Handel trieben. Darauf hat nun der höfliche Franzose mit einem Schreiben geantwortet, das in der Uebersetzung also lautet: Chatellerault, den 13. Januar.

Unverschämtes Volk ! Ich bin Franzose und Patriot ! Deshalb fasse ich das Cirkular, das Sie an mich gerichtet haben, als eine Beleidigung auf trotz Ihrer niedrigen und abgeschmackten Bitten. Wenn es in Frankreich einigen Personen einfallen sollte, die feig genug sind, mit Ihnen die geringsten Verbindungen und den geringsten Handel zu haben, so verachten wir dieselben als unwürdig, Franzosen zu sein. Die große Mehrheit, fast die Gesammtheit haßt und verachtet Euch, Ihr Bande von Uhrenräubernräubern, abscheuliche Rasse von Räubern und Brandstiftern. Sie bitten mich, Ihnen darin behilflich zu sein, Ihre gefälschten Fabrikate bei uns zu verkaufen. Würde ich in Chatellerault nur einen einzigen Kaufmann kennen, der im Stande wäre, Ihre Offerten entgegenzunehmen und irgend etwas von Ihnen zu kaufen, ich würde ihn sofort der Verachtung seiner Mitbürger preisgeben. Er sollte unter dem Gewicht seiner Schande zusammenbrechen ! Ich habe zwei Söhne, welche ich mehr als das Leben liebe, und mein Glück sollte groß sein an dem Tage, wo ich dieselben zu der vollständigen Vernichtung Preußens beitragen sehen würde. Zittert, wenn der Tag der Rache kommt, denn er wird furchtbar sein; dies wenigstens wünsche und hoffe ich. Ihn sehen und dann sterben. Es ist ein Franzose und Republikaner, der so zu Euch spricht. Aber Ihr achtet weder die Ehre noch die Freiheit. Feile Sklaven ! Gabriel Brunet.

- Wasser auf den Kopf !

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1886

- Berlin.


Das 300jährige Jubiläum der Einführung der Kartoffel durch Drake nach Europa wurde dieser Tage von den Bewohnern des Wedding in dem Stegmüller´schen Wirthshause in der Triftstraße durch ein „Communal-Kartoffelfest“ begangen. Ein junger Maler hatte den Saal mit Bildern geschmückt, welche das Ereignis feierten.Die Kartoffel beherrschte die Tafel, die Musik und den Tanz, die Speisekarte zeigte lediglich Kartoffelgerichte, acht an der Zahl: Puffer, Bratkartoffeln, Kartoffelsuppe, Häringe mit Kartoffeln, Kartoffelklöße u.s.w. An das Essen schloß sich ein Kartoffelkränzchen, welches wiederum eine Kartoffel-Polonaise eröffnete, bei der man dem Festzuge feierlich eine Schüssel Kartoffeln vorantrug. Man hielt Kartoffelreden und die Kartoffelsänger trugen Kartoffellieder eines Kartoffeldichters vor. Bei Tisch sang man ein gemeinsames Kartoffellied, welches die Wandbilder des Kartoffelmalers erläuterte: „Was kommt von der See ? - Es ist ein Segelschiff - Das bringt Kartoffeln mit . u.s.w.“

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1886

- Stoßseufzer eines Sommerfrischlers in Illmenau:

Grau in Grau – nirgends blau
Ist es jetzt in Illmenau.
Husten, Schnupfen, kalte Füße
Strippenhafte Regengüsse,
Sturmgeheul aus Ost und West.
Fortgesetzter Hausarrest !
Blaugefrorne Menschennasen,
Naß der Weg und naß der Rasen.
Melancholisch – blasse Rosen
Pelzbesetzte Badehosen,
Warmbier, Grog und Eierpunsch
Nerzpelz stiller Herzenswunsch;
Hitze nur bei Grand mit Vieren,
Sonst ist´s wahrlich zum Erfrieren,
Kalt der Braten selbst bei Tische -
Vivat hoch die Sommerfrische !


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Nassauische Heimat, Beilage zur Rheinischen Volkszeitung 15. Januar 1929.



Feuerlöschwesen in früherer Zeit
von Gg. Wagner

Brachte da kurz vor den letzten Weihnachtstagen ein Pferdegespann von Wiesbaden einen leeren Totenwagen die lange Aarstraße hinunter gen Diez. Wollte man irgendwo einen Toten holen ? An Station Zollhaus trifft man ein entgegenkommendes Gefährt. Man hält beiderseits, spannt die Pferde an die Deichsel des anderen und beide Fuhrleute richten ihr Gefährt wieder dort hin, woher sie gekommen. So wird der erste Totenwagen des Dorfes Obertiefenbach dem Orte seiner künftigen Bestimmung zugeführt, ihm dieselbe Behausung zugewiesen, von der in früher Morgenstunde die erste, seit langem dienstuntaugliche – Feuerspritze selbiger Gemeinde Abschied genommen und dann als Tauschobjekt den Weg nach Nassaus Hauptstadt fand. Dieser Vorgang weckt die Erinnerung an das Feuerlöschwesen, wie es vor 100 und mehr Jahren in genanntem Orte gemäß Weisungen der fürstlich hohen Häuser von Wied-Runkel und Salm-Salm zu handhaben war. Bieten deren Vorschriften doch so viel des Interessanten, viel des kulturhistorisch Wertvollen, lohnend darum eine Zusammenstellung deren wesentlicher Bestimmungen.

Der Verhütung des Feuerbrandes dienten Anordnungen vom Jahre 1772 über vorschriftsmäßige Hantierung mit Flachs, Hanf, Stroh, Heu, über Tabakrauchen, den Gebrauch von Laternen, das allabendliche Beseitigen von Spänen in den Werkstätten der Schreiner , Wagner und Bender, das tägliche Löschen des Ofen- und Herdfeuers zur gewissen Abendstunde. Nach gleichzeitigen Bauvorschriften durften keine Holzschornsteine mehr errichtet, keine hölzernen Schläuche mehr eingebaut werden, die den Rauch der Feuerstätte zum Kamin zu leiten hatten, wie es untersagt wurde, Ofenrohre zum Fenster hinauszuführen. Der Urheber vorsätzlicher Brandstiftung soll nach Kaiser Karls V. peinlicher Halsgerichtsordnung mit dem Feuer vom Leben zum Tode gebracht werden. Streng wurde darauf gehalten, daß stets jeder Hauswirt einen mit Wasser gefüllten Zuber bereitstehen, und einen mit Namen versehenen ledernen Feuereimer greifbar hatte. Die Gemeinde mußte wenigstens dreißig Eimer vorrätig halten; auch durfte kein Einwohner heiraten oder als Untertan angenommen werden, der nicht den Gemeindeeimern einen neuen mit Jahreszahl und Namen versehen zugeliefert hatte. Am Leiterhäuschen mußten vier Feuerleitern und ebensoviele Haken, am Gemeindeziehbrunnen aber zwei große Eimer und Ziehkette unterhalten werden.

Bei ausbrechendem Brande hatten sofort bestimmte Einwohner mit vier angeschirrten Pferden die Feuerspritze in Schupbach zu holen. Nicht jedes Dorf besaß eine solche. Sechs Gemeinden : Obertiefenbach, Heckholzhausen, Gaudernbach, Wirbelau, Eschenau und Schupbach bildeten einen Löschbezirk, dessen Spritze in letztgenanntem Orte untergebracht war. Ein Feuerläufer hatte die nächste, die in der eine Stunde entfernten Gemeinde Hofen stationierte, anzufordern. Bei Wahrnehmung eines Brandes hatte der Lehrer des Ortes Sturm zu läuten, der Ausschußtambour Alarm zu schlagen. Der Ausschußfähndrich mußte von dem Ausschuß (eine etwas militärisch ausgebildete Wachmannschaft) alle Ausgänge des Dorfes zu besetzen, um niemand außer Feuerläufer und den zum herbeiholen der Spritze beorderten während des Brandes herauslassen. Alle arbeitsfähigen Einwohner hatten mit gefülltem Eimer zur Brandstätte zu eilen und in doppelter Reihe nach dem nächsten Wasser sich aufzustellen. „Durch der Hände lange Kette um die Wette flog der Eimer.“ Nach ausdrücklichem Befehle der Obrigkeit war darauf zu achten, „daß die mit ihrem lamentieren nur Konfusion machenden Weibsleute in die Reihen gebracht werden“. Gehorsamkeitsverweigerung dem Kommando gegenüber, unerlaubtes Entfernen von der Brandstätte oder absichtliche Beschädigungen der Löschgeräte wurde mit empfindlicher Leibesstrafe geahndet. Die vom Brandort geretteten Sachen wurden an einem feuersicheren Orte von Mannschaften des Ausschusses scharf bewacht. Wer versuchte, in dem Wirrwarr zu stehlen, wurde im Betretungsfalle von der Wache gebunden, bei den Sachen niedergelegt, um nach dem gelöschten Brande sofort Bestrafung zu empfangen. Doch für den, der sich in dem Rettungswerke durch Eifer, Mut und Unerschrockenheit besonders auszeichnete, war eine Belohnung bis zu vier Talern ausgesetzt.

Scharfe und eingehende Bestimmungen sind es, die eine hohe Landesobrigkeit zur Verhütung oder Eindämmung eines Brandes erließ, die öfters im Jahre der versammelten Gemeinde bekannt gegeben, ja gekürzt als „Feuerordnung“ zur Uebung im Lesenlernen den Kindern in der Schule in die Hand gelegt wurden. Zu erklären ist diese Umsicht der Behörde dadurch, daß in damaliger Zeit die Brandgefahr durch das vorherrschende Strohdach und die reichliche Verwendung des Holzes beim Hausbau weit größer waren als heutzutage, andererseits die technischen Hilfsmittel zur Bekämpfung eines Brandes unzulänglich und nur in primitiver Form zur Verfügung standen. Erst im Jahre 1831 erhielt Obertiefenbach die erste Feuerspritze, an der in erster Zeit auch die Gemeinde Heckholzhausen ein Miteigentumsrecht besaß. Auch diese Spritze unterlag der Verpflichtung mit einem Gespann von vier Pferden an alle Brandstätten innerhalb einer Entfernung von drei Wegestunden in kürzester Zeit zu erscheinen. Für Gestellung eines jeden Pferdes hatte die Gemeinde 2 ½ Gulden, dem Spritzenmeister 45 Kreuzer für die Ausfahrt zur Brandstätte im übrigen 5 Gulden Besoldung fürs Jahr zu zahlen. Gg. Wagner


Statistische Beschreibung
von der Herrschaft Beilstein

vom Jahr 1783

§.2.

Es grenzet gegen Morgen an das Dillenburgische und Greiffensteinische, gegen Mittag an das Weilburgische, gegen Abend an das Hadamarische und gegen Mitternacht an das Hachenburgische und Sayn-Altenkirchische, hat 9 Stunden in die Länge und 3 Stunden in die Breite.



Das Entfernungen nicht in Kilometern gemessen wurden - sondern in Stunden - zeigt ein Hinweisstein von 1789
an der B 49 zwischen Montabaur und Koblenz.



Kurioses aus der Gegenwart ...